Vorwort

Diese Broschüre war so nie geplant. Unsere ursprüngliche Idee war, die US-amerikanische Broschüre „Organizing Cools The Planet“ von Hilary Moore und Joshua Kahn Russel ins Deutsche zu übersetzen. Dieses Ziel haben wir verfehlt, weswegen wir allen Leser*innen nur herzlich empfehlen können, diese Broschüre im Original zu lesen.(1) Tatsächlich haben wir angefangen, sie zu übersetzen, doch dann recht schnell gemerkt, dass wir hier nicht nur sprachliche, sondern auch inhaltliche Übersetzungsarbeit leisten müssen. Viele Konzepte und Methoden der US-amerikanischen Climate Justice-Bewegung waren uns fremd, in manchen finden wir uns gar nicht wieder und von einigen können wir lernen. Daher entschieden wir uns dagegen, einen Text zu veröffentlichen, der diese Konzepte als gegeben hinstellt. Stattdessen entwickelte sich das Projekt zu einem großen Diskussions- und Lernprozess, in welchem wir auch viel über unsere Arbeit bei ausgeCO2hlt reflektierten. Ausgehend von der US-Originalbroschüre haben wir manche Textteile inaltlich so gelassen, wie sie waren, andere überarbeitet, und einige ganz neu geschrieben.

Wir verfolgen mit dieser Broschüre zwei Ziele, die nicht immer einfach zu verbinden waren. Erstens wollen wir eine Handreichung liefern, die den Einstieg in die Klimagerechtigkeitsbewegung in Deutschland erleichtert. Viele von uns haben auf Konferenzen, Klimacamps und Workshops Bücher, Zines und Broschüren gelesen, die Feuer in unseren Herzen entfachten. Wenn du also „neu“ in der Bewegung bist und viele Fragen über sie hast: Diese Broschüre ist für dich geschrieben. Wir würden uns freuen, wenn sie dir hilft, deinen Ort in der Bewegung zu finden.

Zweitens wollen wir mit dieser Broschüre in die bestehende Bewegung intervenieren. Vieles lieben wir an unserer Bewegung und oftmals können wir mit unseren Unterschiedlichkeiten gut leben. Doch hier wollen wir unsere Position einmal lauter vertreten, sie thesenhaft der kontroversen Diskussion ausliefern und sicherlich mit unseren Ecken und Kanten Reibungswärme erzeugen. Wenn du also zu den hier erläuterten Positionen eine ganz andere vertrittst und dich mit uns darüber streiten willst: Diese Broschüre ist für dich geschrieben. Wir würden uns freuen, wenn sie uns hilft, unsere Bewegung zu verändern.

Vieles wollen wir mit dieser Broschüre auch nicht erreichen: Wir werden hier nicht erklären, wie der Klimawandel naturwissenschaftlich zu beweisen ist. Wir werden auch keine realpolitischen Gesetzes-vorschläge vorlegen, um sie durch Lobbyarbeit durchzusetzen. Desweiteren wollen wir hier auch nicht Leuten vorschreiben, wie sie ihre Kämpfe zu organisieren und zu führen haben oder einen neuen Standard ethischer Perfektion und unerreichbare Ideale aufbauen, die sich in der wirklichen Welt gar nicht umsetzen lassen. Diese Broschüre ist keine Sammlung universell einsetzbarer Formeln, Regeln und Dogmen, die in jedem Kontext angewandt werden können und von „Expert*innen“ stammen. Unsere Worte sind nicht in Stein gemeißelt und nicht der Weisheit letzter Schluss.

Stattdessen werden wir in dieser Broschüre im ersten Kapitel die politische Weltanschauung der Gruppe ausgeCO2hlt darlegen. Dies ist das erste Mal in mehreren Jahren, dass wir als ausgeCO2hlt so ausführlich ein Papier mit unseren Grundüberzeugungen veröffentlichen.

Im zweiten Kapitel werden wir uns der Geschichte unserer Bewegung widmen und verschiedene Perspektiven auf Klimagerechtigkeit eröffnen. Dieses Kapitel steckt den Rahmen ab, innerhalb dessen wir kämpfen.

Im dritten Kapitel widmen wir uns den Vorraussetzungen von politisch organisierten Gemeinschaften und der Idee des transformativen Community Organizing. Dieses Konzept hat die US-amerikanische Orignialbroschüre stark geprägt, ist aber in Deutschland (noch) kaum bekannt und angewandt. Wir geben einen Überblick über die Idee und diskutieren Stärken und Schwächen des transformativen Community Organizing für die deutsche Klimagerechtigkeitsbewegung.

Im vierten Kapitel legen wir dar, wie wir politisch arbeiten wollen. Unsere Arbeit sollte Betroffenheiten und Beziehungen in den Mittelpunkt stellen. Daneben finden sich dort weitere Reflexionen aus unserer Arbeit, zum Beispiel zum Thema Gegenwind und Care-Arbeit.

Im letzten Kapitel widmen wir uns unserer politischen Strategie, mit der wir die Welt verändern wollen. Neben theoretischen Überlegungen zeigen wir euch auch praktische Werkzeuge, die ihr in eurer konkreten Arbeit anwenden könnt.

Diese Broschüre ist länger geworden, als wir gedacht haben. Uns ist es wichtig zu betonen, das die Kapitel auch einzeln für sich gelesen werden können. Lasst euch also nicht von der Länge abschrecken, sondern sucht euch gerne die Themen raus, die für euch spannend sind.

Ein wichtiges Element dieser Broschüre ist der „politische Kompass“. Damit wir uns als Aktivist*innen auf unserem Weg in´s Unbekannte nicht verirren, brauchen wir einen guten Kompass. Dieser alleine sagt uns natürlich noch nicht, was das Ziel ist, kann uns aber eine Orientierung geben. Wir werden daher einzelne Abschnitte und Kapitel damit beenden, dass wir Fragen an unsere und eure politische Praxis stellen, mit deren Hilfe ihr euren politischen Kompass einstellen könnt.

Daneben werdet ihr immer wieder Wurzeln, Blättern und Tieren begegnen. Diese sehen nicht nur schön aus, sondern stammen auch aus dem Kunstwerk „The True Cost Of Coal“ des US-amerikanischen Beehive Collective. Dieses riesige Mosaikposter zeigt die Entstehung der Kohle, ihre Gewinnung und deren Folgen, die dahinter stehenden politischen Strukturen, aber auch den vielfältigen Widerstand und gelebte Alternativen in den Appalachian Mountains, einem der zentralen Kohleabbaugebiete der USA. Die Abbildungen, die wir in unserer Broschüre verwenden, sind an der jeweiligen Stelle selbsterklärend, aber im Banner stecken hunderte Geschichten. Wenn ihr mehr darüber wissen wollt, besucht die Seite des Beehive Collective.(2)

Die Sanduhr, die ihr auf jeder Seite findet, ist Teil des Logos „System Change not Climate Change“. Im Laufe der Broschüre wird sie sich erst zum schlechteren, dann zum besseren drehen. Sie symbolisiert unsere Hoffnung, Wurzeln im Treibsand schlagen zu können, um ihn so zu stabilisieren. Die Sanduhr lässt sich wie ein Daumenkino abspielen – probier es doch mal aus!

Wir haben diese Broschüre nicht alleine geschrieben. Unzählige Menschen haben uns dabei geholfen und auf dem Weg begleitet. Ihnen allen gilt unser Dank für ihre Unterstützung. Besonders hervorheben wollen wir dabei zuallererst die Menschen, die mit der ursprünglichen US-Broschüre unschätzbar wertvolle Vorarbeit geleistet haben: Vor allem Hilary, die uns zudem auf dem Klimacamp 2016 wertvolles Feedback und spontane Workshops gab. Außerdem haben sie, Joshua und der Verlag PM Press uns die Text- und Bilddateien der Originalbroschüre zur Verfügung gestellt. Ohne sie alle hätte es die Idee zu unserer Broschüre nie gegeben, geschweige denn, hätte die Umsetzung geklappt.

Unseren externen Autor*innen Adrian, Alex, Ali, Eva, Ilana, Janna, Julian, Kyle, Lotte, Mary, Sybille und Timo – und all den anderen Personen, die immer wieder mit uns einzelne Textabschnitte diskutiert und überarbeitet haben – gilt besonderer Dank. Ohne eure Perspektiven könnte diese Broschüre nicht funktionieren. Vielen Dank an euch alle, dass ihr eure Zeit und Energie in dieses Projekt gesteckt habt!

Tiefer Dank auch an Klara Esch, die das Design gemacht hat. Danke, dass du auf unsere Extrawünsche eingegangen bist und dich von dieser Mammutaufgabe nicht hast einschüchtern lassen. Abschließend möchten wir Mats und Micha für das Lektorat danken. Eure inhaltlichen Anmerkungen haben die Broschüre noch verständlicher werden lassen und euer stilistisches Feedback sie noch lesbarer.

An einigen Stellen im Text bringen wir Beispiele aus unserer eigenen Bewegungserfahrung, aus Bündnissen die wir mit Anderen geschlossen haben, und aus gemeinschaftlichen Organisierungs-prozessen, an denen wir wachsen durften. Wir danken allen Menschen und Strukturen, die uns über die Jahre begleitet haben und uns viele dieser Lern- und Diskussionsprozesse überhaupt erst ermöglichten.

Während wir diese Broschüre schrieben, wurde bekannt gegeben, dass die Weltklimakonferenz 2017 in Bonn – Wohnort mehrerer von uns – stattfinden soll. Die COP23 wird im UN-Sitz, auf international „neutralem“ Boden abgehalten werden, da das Gastgeberland Fidschi keine ausreichende Infrastruktur zur Ausrichtung der Konferenz besitzt. Fidschi ist eine Inselgruppe im Pazifik, die wegen des steigenden Meeresspiegels unterzugehen droht. Damit gehört Fidschi zu den am stärksten vom Klimawandel bedrohten Gesellschaften überhaupt, und wird auf dieser Konferenz mal wieder um ihr bloßes Überleben verhandeln müssen, während keine sechzig Kilometer von Bonn entfernt, im Rheinischen Braunkohlerevier, Europas größte CO2-Quelle gelegen ist. Diese unsagbare Ungerechtigkeit macht einmal mehr deutlich, dass die Klimagerechtigkeitsbewegung einen Gang zulegen muss, um politische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Ungleichheiten zu überwinden und das gute Leben für Alle aufzubauen. Wir hoffen, mit dieser Broschüre zu diesem Unterfangen beitragen zu können. Außerdem hoffen wir, dass wenn ihr das hier lest, wir die Dinge schon zum Besseren gewandelt haben.

ausgeco2hlt im Juli 2017

(1)http://www.pmpress.org/productsheets/pm_titles/organizing cools the planet.pdf und organizingcoolstheplanet.wordpress.com
(2) http://beehivecollective.org/beehive_poster/the-true-cost-of-coal/

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