Strategien direkter Aktion

Wenn du keine Strategie hast, bist du Teil von jemand anderes Strategie“ – Alvin Toffler

Oft wird „Aktivismus“ mit „Aktionen“ oder „Aktionen machen“ in Verbindung gesetzt, schließlich sind sie auch die sichtbarsten Elemente sozialer Bewegungen. Unterschriftenlisten, Demonstrationen, militante Selbstverteidigung oder Offene Briefe – viele Menschen haben ein großes intuitives Wissen über verschiedene Aktionsformen. Trotzdem fehlt es ganz oft an einem „roten Faden“, der sich durch verschiedene Aktionen durchzieht und dafür sorgt, dass sie aufeinander aufbauen und im Laufe der Zeit wirkmächtiger werden. Viele Personen und Gruppen werden dann frustriert, weil sie das Gefühl haben, auf der Stelle zu treten. Oder sie igno-rieren dieses Gefühl und machen zwanzig Jahre lang immer das Gleiche.

Wir wollen hier ein häufig verwendetes Werkzeug vorstellen, dass uns helfen kann, unsere Aktionen strategischer zu planen und dadurch erfolgreicher zu sein: Die Kampagne.

Das Modell, das wir hier verwenden, geht dabei davon aus, dass wir eine Vision davon haben, wofür wir streiten. Diese Visionen sind die großen Bilder, die großen Ziele, die transformativ, ansprechend und tiefgehend sind. Ein Beispiel für eine konkret ausformulierte Vision ist der demokratische Konföderalismus, zu dem gerade im kurdischen Rojava gearbeitet wird. Für uns macht diese Vision spannende Perspektiven auf, da sie die Überwindung der kapitalistischen Produktionsweise mit einer dezentralen, nicht-staatlichen Art der gesellschaftlichen Entscheidungsfindung durch Rätestrukturen verbindet. Sicherlich können wir dieses Konzept nicht einfach eins-zu-eins in eine hochindustrialisierte, urbane, stark institutionalisierte Gesellschaft wie die deutsche übertragen. Wir wünschen uns daher nicht nur eine Debatte darüber, ob der demokratische Konföderalismus eine erstrebenswerte gesamtgesell-schaftliche Vision darstellt, sondern auch darüber, ob er ein geeignetes Organisierungsmodell für die Klimagerechtigkeitsbewegung selbst darstellen kann.

Da die Profiteure der jetzigen Welt ein Interesse daran haben, die bestehenden Verhältnisse beizubehalten, wird es irgendwann zum Bruch zwischen den progressiven und repressiven Kräften und Ideen kommenwie der aussehen soll ist heftig umstritten. Oft wird in diesem Kontext von Revolution, Transformation oder Reform gesprochen.

Es scheint ein ewiges Mantra zu sein, dass wir halt leider gerade nicht in revolutionären Zeiten leben und wir deshalb politisch nichts machen können. Doch nur wenn wir uns fragen, was wir brauchen, um unserer Vision näher zu kommen (z.B. mehr Leute, bessere Theorien, mehr Geld), wie wir also Handlungsfähigkeit aufbauen können, können wir (Zwischen-)ziele unserer politischen Arbeit definieren. Die planvolle Bündelung unserer aktuellen Kräfte und Ressourcen zur Durchsetzung dieser Ziele nennen wir Kampagne. Kampagnen nutzen dabei verschiedene Taktiken oder Aktionsformen, um schrittweise den Zielen und damit der Vision näher zu kommen. (25)

Kampagnenziele sind oft „SMART“ – Spezifisch, Messbar, Aktivierend, Realistisch und Terminiert / Zeit-gebunden. Sind sie das nicht, haben wir keine Grundlage auf der wir unseren Fortschritt messen und unsere Pläne anpassen können. Und wenn unsere Ziele uns nicht helfen, unsere Vision herbeizuführen, kommen wir nicht aus dem Status Quo heraus.

Um unsere Visionen zu (Zwischen-)Zielen umzuformulieren, müssen wir diese sehr konkret ausbuchstabieren, was für uns oft ungewohnt und herausfordernd sein kann. Damit wir unsere vielen großen und kleinen Ziele in eine handlungsleitende Ordnung bringen können, möchten wir euch hier das Werkzeug der Zieltreppe vorstellen: Nachdem ihr alle eure Ziele gesammelt habt, ordnet ihr sie zeitlich und inhaltlich aufeinanderfolgend an. Die Treppe aufsteigend fragt ihr „Wofür muss dieses Ziel erreicht werden?“, die Treppe absteigend „Wodurch muss dieses Ziel erreicht werden?“. So könnt ihr große Vorhaben in kleine Etappen und Meilensteine unterteilen, die wiederum Mittel zum Erreichen der nächsten Ziele werden. Ihr werdet bei dieser Visualisierung auch schnell merken, wo noch Lücken in eurem Plan sind, die ihr ergänzen müsst. Und das schönste: Durch diese Treppe wisst ihr, was ihr ganz konkret morgen früh und nächsten Dienstag machen müsst, um euren Zielen und Visionen näher zu kommen!

Dabei gilt es aber zu beachten, dass diese und ähnliche Werkzeuge auch in der Wirtschaft und im neoliberalen Projektmanagement angewandt werden und dort Effizienz und Selbstoptimierung fördern sollen. Vieles dessen, was wir in unseren Kämpfen gewinnen, kann und sollte nicht vermessen werden (z.B. neue und gesunde soziale Beziehungen, gelebte Solidarität und der Aufbau neuer demokratischerer Strukturen). Wir sollten solche Werkzeuge kennen, da sie uns helfen können, unsere Ziele und unseren Weg klarer zu formulieren, auch wenn wir es für völlig akzeptabel halten, nicht alles nach ihnen auszurichten. Jede Gruppe kann sich darüber hinaus eigene Werkzeuge ausdenken, die die eigene Arbeit unterstützen. Bei ausgeco2htl zum Beispiel schreiben wir regelmäßig einen „Jahrestext“, der uns hilft, unsere Strategiediskussionen festzuhalten und unsere Arbeit langfristig auszurichten.

Die aufsteigende Zieltreppe bedeutet oftmals auch einen sich zuspitzenden politischen Konflikt. Um dieser Situation Rechnung zu tragen, bzw. um sie zu forcieren, folgen unsere Aktionen und Taktiken (26) oftmals verschiedenen Eskalationsstufen und haben in sich ausdifferenzierte Eskalationsstufen (s.u.). Damit meinen wir, dass wir im Laufe unserer Kampagnen und Kämpfe den Grad des Bruches mit dem bestehenden System erhöhen wollen, so dass er für alle verständlich ist. Wenn wir bspw. dafür sorgen wollen, dass unsere Universität nicht mehr in klimaschädliche Fonds investiert, wird es vermutlich keine erfolgreiche Aktion sein, als allererstes das Rektorat zu besetzen. Der Grad unserer Eskalation passt dann nicht zum Narrativ und zur großen Geschichte, die wir erzählen, weswegen die Aktion unverständlich und nicht ansprechend sein wird. Außerdem setzt es unsere Gegner nicht in eine Zwickmühle (27): Es gibt für sie in diesem Fall einen einfachen Ausweg, bei dem sie nichts verlieren (Räumung durch die Polizei und Abtun unserer Forderungen als die einer radikalen und isolierten Splittergruppe). Wenn wir aber unserem Gegner geschickte Fallen setzen, können wir die Notwendigkeit der Eskalation deutlich machen. Angenommen, es gibt zuerst einen offenen Brief mit 150 Unterschriften an das Rektorat mit unserer Forderung. Entweder, die Rektorin gibt nach: Dann haben wir (zumindest dieses Ziel) gewonnen. Oder: Die Rektorin gibt nicht nach oder ignoriert uns und verärgert dadurch 150 Menschen und deren Freund*innen. Im nächsten Schritt könnten wir z.B. eine Demonstration vor dem Rektorat machen. Und wenn das auch nicht zum Erfolg führt, können wir allen Beteiligten klar machen, dass wir jetzt nun wirklich mal das Rektorat besetzen müssen. So haben wir 150 Menschen, die vorher nicht in sozialen Bewegungen aktiv waren, dazu gebracht, sich an direkten Aktionen zu beteiligen (ihr seht, wie sich einige Menschen dadurch auch von passiver zu aktiver Unterstützung bewegen).

In der Realität muss dabei natürlich nicht jeder Akteur bei „null“ anfangen. Initativen und Gruppen können sich auch die (Bewegungs)geschichte angucken und dann erkennen, was schon von anderen ausprobiert wurde und welches Mittel jetzt geeignet ist, den Konflikt voranzutreiben.

Am Anfang solcher Kampagnen stehen oft Taktiken oder Aktionsformen, die das gesellschaftliche System als Ganzes nicht in Frage stellen. Das ist auch völlig in Ordnung, denn wir müssen unsere Basis da abholen, wo sie ist. Der große Fehler reformistischer Bemühungen ist es jedoch, tatsächlich an die Erfolgschancen solcher Taktiken zu glauben. Unser Verhältnis zu ihnen ist ein anderes: Da wir von Anfang an davon ausgehen, dass sie scheitern werden, können wir dieses Scheitern schon antizipieren und für uns nutzen. Wenn wir gegen eine bestehende Ungerechtigkeit kämpfen und den Standpunkt der größeren moralischen Legitimität innehaben, können wir durch das Ausprobieren und provozierte Scheitern appelativer Taktiken die Grenzen der Gerechtigkeit des gesellschaftlichen Systems auch anderen deutlich machen. Nehmen wir als Beispiel, dass wir in unserer Universität durchsetzen wollen, dass es Seminare zur post-kolonialer Theorie gibt, anstatt von der Bundeswehr finanzierte Professuren. Eine appelative Taktik wäre hier (wie oben), die Universitätsleitung höflich zu fragen, doch bitte unsere Forderung zu erfüllen. Dies wird sie nicht tun, denn sonst hätte sie den ungerechten status quo, von dem sie profitiert, ja gar nicht erst erschaffen. Durch die Ablehnung unserer spezifischen Forderung können wir auf größere Missstände der Universität, wie mangelnde demokratische Kontrolle oder eine zu große Nähe zu Industrie und Militär hinweisen (also auf die Grenzen der Gerechtigkeit des Systems) und unsere Kämpfe mit anderen kreuzen und erweitern (zum Beispiel mit Arbeitskämpfen von Uniangestellten im Falle von mangelnder Demokratie in Lern- und Arbeitsprozess).

Auf der Ebene der Ideen und der Alltagspraxis wird so die Kluft zwischen dem Bestehenden und unserer Utopie (unserer Vision) im-mer größer, wodurch die Notwendigkeit der Gesellschaftsveränderung offenbar wird. Diese Kluft gilt es stetig zu vergrößern, sei es durch das Provozieren negativer Aktionen der Gegenseite (das weitere Aufzeigen systemischer Grenzen) oder den Aufbau unserer Vision im Alltag; diese Kluft ist ein wichtiger Grund, warum Menschen in sozialen Bewegungen aktiv werden.

Hoffentlich gewinnen wir natürlich auch ein paar Kämpfe. Diese Siege würden die oben beschriebene Kluft wieder kleiner machen. Und diese Siege sollten wir auch als solche feiern und hochhalten! Doch sollten wir nicht stehen bleiben und mit einem größeren (oder grünerem) Kuchenstück zufrieden sein. Gestärkt durch das größere Kuchenstück sollten wir unsere Vision weiter ausformulieren, die Kluft wieder aufreißen und nach wie vor um die ganze Bäckerei streiten!

Im Szenario der oben beschriebenen aufrührerischen Studierendenschaft, bieten sich auf der konfrontativen Seite, nach den oben beschriebenen appelativen Taktiken, sogenannte nicht-kooperative und interventionistische Aktionen an, z.B. der Boykott von Bundeswehr-finanzierten Vorlesungen und ein Putz-Boykott der Reinigungskräfte in dem entsprechenden Hörsaal (nicht-kooperativ) oder die Blockade des Rektorats (interventionistisch), denn sie zeigen, dass die Herrschenden bereit sind, ihre Agenda auch gegen den erklärten Willen der Menschen durchzusetzen (also eine weitere Grenze der Gerechtigkeit des Systems). Und diese Aktionsformen zeigen, dass das Problem so gravierend ist (und wir entschlossen genug), dass der Normalzustand durchbrochen und Regeln und Gesetze übertreten werden müssen, um die Ungerechtigkeit zu überwinden.

Auf der konstruktiven Seite bauen wir unsere Vision weiter aus, z.B. durch selbstorganisierte Seminare mit leistungsbefreiter finanzieller Lebenssicherung für das Unipersonal oder Besetzung von leerstehenden Unigebäuden und deren Selbstverwaltung durch Rätestrukturen. Der Aufbau dieser utopischen Gesellschaft im Hier und Jetzt wird irgendwann dem status quo so viel Legitimation entziehen, dass dieser sich wehren und die Utopie zerstören will. In diesem historischen Moment des Bruches wird sich zeigen, ob wir unsere Kämpfe stark genug gekreuzt und unsere politischen Gemeinschaften breit genug organisiert haben.

Auch wenn dies nach großer Zukunftsmusik klingt, wollen wir nochmals einen Blick auf die strategische Ausrichtung unserer Taktiken werfen, denn nur durch sie kommen wir unserer Vision näher.

Bei ausgeco2htl legen wir immer viel Wert darauf, dass unsere Aktionen nicht nur politisch eskalieren, sondern auch in sich verschiedene Eskalationsstufen haben. Dabei möchten wir darauf bestehen, dass es nicht darum geht, wer die krasseste und eskalativste Aktion gemacht hat, sondern darum, möglichst vielen Menschen den Zutritt zu unseren Bewegungen zu ermöglichen. Es gibt viele körperliche, finanzielle, rechtliche, psychologische oder politische Gründe, warum Menschen ihre je spezifischen Aktionsformen wählen – und alle Aktionsformen sind gleichermaßen legitim! Und lasst uns bitte daran denken, dass auch die heldenhaftesten (und oft sehr männlich* konnotierten) Aktionen nicht ohne Care- und Reproduktionsarbeit in Form von Essen, Sanitäter*innen, Rechtshilfe, emotionaler Unterstützung und ähnlichem möglich wären.

Unsere Aufgabe ist es also, Aktionssettings zu schaffen, zu denen möglichst viele Menschen Zugang haben. So blockierten wir zwar im Rahmen der Aktionstage des Klimacamps im Rheinland 2014 einen Tagebaubagger, in dem wir uns im abzubaggernden Sperrgebiet aufhielten, aber das war bei Weitem nicht die einzige oder wichtigste Aktion. Es gab parallel dazu Fahrradtouren um den Tagebau, angemeldete Demonstrationen durch Dörfer am Tagebaurand und die erste größere Besetzung eines Kohlebaggers. Diese Vielfalt an Aktionsformen, die sich gegenseitig unterstützten, führte zum Wachstum und der Eskalation der Bewegung. Denn die Demonstration, die auch eine angemeldete, symbolische fünfminütige Blockade der Tagebau-Zufahrtsstraße beinhaltete, blockierte nach der Auflösung der Demo für acht Stunden spontan weiter und verhinderte, dass Polizeieinheiten zur Baggerräumung in den Tage-bau fahren konnten. Alle Beteiligten der Straßenblockade entschieden sich erst im Laufe der Demo dazu, die Freund*innen im Loch durch eine Blockade zu unterstützen. Während und innerhalb dieser Blockade saßen Menschen auf der Straße, standen (legal) am Straßenrand oder guckten aus sicherer Entfernung zu. Durch Blockade-Trainings vor Ort und eine emotionale Nachbereitung auf dem Camp haben sich diese Menschen im Verbündetenfeld noch weiter Richtung aktiver Unterstützung bewegt und ihre eigene Rolle in der Bewegung politisch eskaliert.

Es gibt viele verschiedene Arten von Taktiken. Die gröbsten Kategorien sind instrumentelle und expressive Taktiken, daneben können sie wie oben beschrieben durch Appellation, Nicht-Kooperation, Intervention oder das Aufbauen unserer Vision an verschiedenen politischen Eskalationsstufen angesiedelt sein.

Eine Taktik ist instrumentell zu dem Grad, zu dem es ein spezifisches, quantifizierbares Ziel gibt, dass du mit ihr zu erreichen versuchst. Vielleicht wollen wir beispielsweise durch die Blockade eines Kohlezugs die Stromproduktion in einem Kraftwerk reduzieren. Wir haben eine spezifische ökonomische Wirkung auf unser Ziel und eine Möglichkeit, Erfolg zu messen.

Eine Taktik ist expressiv, insoweit sie jemandes Weltanschauung, Werte und Identität ausdrückt. Eine Massendemonstration als Antwort auf eine Ungerechtigkeit kann in diese Kategorie fallen. Sie kann nützlich sein, um unsere Basis zu begeistern, Netzwerke und Ressourcen auszubauen oder um ein Medienspektakel zu kreieren, aber meistens haben wir kein SMARTes Ziel, zu dem wir zeigen können und von dem wir sagen können „Wir haben diese spezifische Veränderung aufgrund dieser Taktik erreicht“.

Gute Taktiken verbinden diese beiden Elemente, zum Beispiel in dem wir durch die Beschriftung unserer Lock-Ons auf abgebaggerte Dörfer hinweisen oder indem die Demonstration vor der Polizeiwache nicht aufhört, bis Inhaftierte freigelassen wurden. Aber wenn es keine instrumentelle Qualität einer Taktik gibt, haben wir keine Kriterien, um unsere Bemühungen zu evaluieren und unsere Pläne anzupassen.

Der unten abgebildete Taktikstern führt das alles zusammen, denn er bietet deiner Gruppe weitgehende Fragen, um über die Herausforderungen von Care und Unterstützung, Strategie, Aktionsdurchführung, Verantwortlichkeit, Solidarität und Vertrauen, die in diesem Büchlein besprochen werden, nachzudenken. Oftmals sind Aktionen sehr stressige Situationen, in denen uns die Herausforderungen unseres alltäglichen Organisierens um die Ohren fliegen. Umso besser wir diese Extremsituationen organi-satorisch und individuell vor- und nachbereiten, desto besser können wir auch in der Situation damit umgehen. Verwendet diesen Stern als Planungs- und Vor- und Nachbereitungstool für eure Aktionen!

(25) Rose, Chris, How To Win Campaigns: Communicating For Change, 2010
(26) genauso wie die der Gegenseite(n)
(27) s. dazu Boyd, Andrew; Mitchell, David Oswald, Beautiful Trouble, A toolbox for Revolution, 2012, 166-168.

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