Strategie und Aktion

Strategien fragen: „Was können wir heute tun, um morgen das, was wir heute noch nicht können, zu können?“ – Paulo Freire

Strategien sozialer Bewegungen

Eine der Stärken der Klimagerechtigkeitsbewegung liegt in ihren systemischen Analysen, die wir in den vorigen Kapiteln betrachtet haben. Klimagerechtigkeit beinhaltet eine Analyse der „unsichtbareren“ sozialen, ökonomischen und politischen Institutionen/Strukturen, Systemen und Mechanismen, die uns alle verbinden und unsere Gesellschaft formen. Durch diese Analyse können wir erkennen, dass individuelle Handlungenz.B. Konsumentscheidungen – zwar schön und gut, aber nicht genug sind, um die Gesellschaft zu verändern. Stattdessen müssen wir breite politische Bewegungen aufbauen und uns kollektiv organisieren, um Gegenmacht von unten aufzubauen. Unser Wissen über diese Systeme kommt oft aus theoretischen Auseinandersetzungen. Direkt betroffene Menschen und Gemeinschaften verfügen oft aber auch über einen großen Schatz an praktischem Erfahrungswissen, durch den sie Diskriminie-rungen und Unterdrückungen verstehen und benennen können.

Während viele Aktivist*innen recht gut gesellschaftliche Probleme systematisch analysieren können, fehlt es uns oft an Ideen und Werkzeugen um den Prozess des Bewegungsaufbaus zu gestalten.

Große Strategien für soziale Bewegungen gehen über die enge Linse einer einzelnen Aktion hinaus und formulieren einen Weg, wie wir die Kräfteverhältnisse der gesamten Gesellschaft verschieben können. Dabei ist dieser Weg natürlich nicht exakt vorhersehbar und auf viele Entwicklungen haben wir auch keinen Einfluss. Trotzdem ist es extrem hilfreich, eine Idee davon zu haben, was unser politisches Ziel ist und wie wir dort hinkommen wollen. Denn dann stehen unsere Handlungen nicht isoliert nebeneinander, sondern bauen aufeinander auf und erhöhen unsere Handlungsfähigkeit im Laufe der Zeit. Idealerweise können wir durch strategisches Handeln „morgen das tun, was wir heute noch nicht tun können“.

Wir Menschen leben nicht abgekapselt nebeneinander, sondern sind durch Gruppen und Assoziationen verbunden. Manche davon sind materielle Institutionen wie Gewerkschaften, Kirchen oder Schulen, während andere weniger festgeschrieben sind, z.B. Jugendsubkulturen wie Hip-Hop oder Punk Rock.

Erfolgreicher Bewegungsaufbau ist oft davon abhängig, die Gesellschaft unter dem Blickwinkel spezifischer, sich überschneidender Netzwerke und Beziehungen zwischen Menschen zu sehen. Deshalb haben wir uns die Arbeit gemacht, in den vorigen Kapiteln ein paar unterschiedliche Formen von Gemeinschaften zu definieren. Wenn eine Gemeinschaft als eine Gemeinschaft angesprochen wird, haben soziale Bewegungen eine Möglichkeit, die Weltanschauungen von Menschen zu beeinflussen. Viele Personen und Bewegungen waren erfolgreich, weil sie die Fähigkeit hatten, verschiedene Gemeinschaf-ten zu mobilisieren.

Zum Beispiel konnte Martin Luther King Jr. in der schwarzen US-Bürgerrechtsbewegung (auf die wir weiter unten noch einmal zu sprechen kommen) eine politische Basis aufbauen, indem er die Southern Baptist Church angesprochen hat. Dies tat er auf solch eine Art und Weise, dass wenn jemand damals ein*e schwarze*r Christ*in aus dem Süden der USA war, diese Person sich wahrscheinlich für gesell-schaftlichen Wandel eingesetzt hat. (24) Für viele war dies Teil ihrer Identität.

Da wir die gesamte „Gesellschaft“ hier so verstehen, dass sie aus verschiedenen, sich überschneidenden Netzwerken und Beziehungen besteht, trifft das auch auf soziale Bewegungen zu. Wir können dann auch unsere eigenen Bewegungen nicht mehr als einheitliche Blöcke verstehen, sondern erkennen, dass sie sich aus verschiedenen – manchmal widersprüchlichen – Teilen zusammensetzen. Wir müssen den Aufbau und die Struktur unserer jeweiligen Bewegungen im Zusammenspiel mit ihrer größeren gesellschaftlichen Einbettung verstehen, um Strategien entwickeln und Entscheidungen treffen zu können, was wir als nächste und übernächste Schritte unternehmen sollten.

Ein Werkzeug, mit dem wir unseren Blick schärfen können, ist die sogenannte Verbündetenanalyse. Sie kann entweder verwendet werden, um eine konkrete Kampagne zu planen, oder um eine ganze soziale Bewegung zu analysieren.

Und so funktioniert‘s: In jedes Feld kannst du verschiedene Menschen, Gruppen oder Institutionen nach ihrer Einstellung euch gegenüber eintragen. Ganz links sind deine aktiven Verbündeten: Menschen, die dir zustimmen und die mit dir kämpfen. Dann deine passiven Verbündeten: Leute, die dir zwar zustimmen, aber nichts dafür unternehmen. Als nächstes die Neutralen, die wie Zaungäste sind. Dann die passive Opposition: Menschen, die dir widersprechen, aber nicht versuchen, dich zu stoppen. Und dann deine aktive Opposition, also Leute die aktiv gegen dich arbeiten.

Die Verbündetenanalyse kann relativ schön erweitert werden, wenn ihr ein sehr großes Blatt Papier nehmt: Schreibt die Akteure näher oder weiter von der Grundlinie des Halbkreises entfernt, je nach dem, wie viel Einfluss sie haben (zur leichteren Visualisierung könnt ihr auch Balken statt Tortenstücke zeichnen). Abschließend könnt ihr noch durch die Dicke der Schrift anzeigen, wie viel oder wenig Interesse die jeweiligen Akteure an eurem Problem haben. So habt ihr auf einen Blick die euch um-gebenden Akteure nach Einstellung, Einfluss und Interesse visualisiert. Jetzt könnt ihr für jeden Akteur überlegen, wie ihr deren Position so verändern könnt, dass sie euch gegenüber freundlicher eingestellt sind, sowie mehr Einfluss und Interesse an dem Problem haben (bei eurer Opposition wollt ihr natürlich Einfluss und Interesse verringern).

Wenn wir uns die Geschichte sozialer Bewegungen anschauen, sehen wir, dass Gruppen tendenziell nicht gewinnen, indem sie gegen ihre aktive Opposition anrennen und sie direkt besiegen wollen, sondern indem sie ihnen ihre Unterstützung unter den Füßen weg organisieren. Lasst uns das als Aufruf verstehen, nicht hauptsächlich unsere Feinde zu bekämpfen, sondern neue Verbündete zu finden!

Um dies besser zu verstehen, wollen wir nochmal einen Blick in die Geschichte der US-Bürgerrechtsbewegung werfen:

1964 untersuchte das Student Nonviolent Coordination Commitee (SNCC) das Kräfteverhältnis in den USA. Das SNCC war ein starkes Zugpferd der Bürgerrechtsbewegung, die zu der Zeit viele Schwarze in den Südstaaten zu Wahlen registriert hatte. Sie verstanden, dass sie nicht nur einfach die Leute im Süden, sondern auch im Norden der USA bilden und einbeziehen mussten, weil das Problem nicht hauptsächlich Ignoranz oder Apathie war. Sie merkten, dass viele Student*innen im Norden ihre passiven Verbündeten waren: Sie sympathisierten mit der Bürgerrechtsbewegung, aber hatten keinen Zugang zur Bewegung. Das SNCC schickte daraufhin im sogenannten Freedom Summer Busse gen Norden um diese Leute runter zu bringen, damit sie über den Sommer im Kampf mitmachen konnten. Die Studierenden hatten nun durch das SNCC eine Möglichkeit, sich mit der frontline der Bürgerrechte zusammenzuschließen und aktiver Teil dieses historischen Höhepunkts zu sein. Die Student*innen kamen in Scharen runter und sahen zum ersten Mal das Lynchen, die Polizeigewalt und wütende weiße Mobs, die die schwarze Bevölkerung vom Wählen abhalten wollten. Sie schrieben Briefe an ihre Eltern zu Hause, die plötzlich eine persönliche Verbindung zum Kampf hatten. Dadurch passierte eine andere Verschiebung: Ihre Eltern wurden von neutralen Zaungästen zu passiven Verbündeten. Und die brachten ihre Arbeitskollegen und sozialen Netzwerke mit sich. Weitere frontlines begannen, sich zu kreuzen. Die Studis, die im Herbst wieder zur Uni gingen, machten weiter damit, ihren Campus zu organisieren, was weitere Verschiebungen mit sich führte. Die politische Landschaft in den USA hatte sich verändert.

Diese stufenhafte Explosion der Unterstützung war nicht spontan. Sie war Teil und Ergebnis einer geplanten Bewegungsstrategie.

(24) Zu verschiedenen Rollen in sozialen Bewegungen und deren Bedeutung empfehlen wir vertiefend: Moyer, Bill, The Movement Action Plan, A Strategic Frame-work Describing The Eight Stages of Successful Social Movements, 1987. online unter: https://www.indybay.org/olduploads/movement_action_plan.pdf

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