Partizipation und Konsensfindung

Wir erleben den Prozess der Konsensfindung als ein sehr hilfreiches Werkzeug in unserer Organisierung, um Entscheidungen zu treffen. Dabei ist es wichtig, Konsens nicht nur als eine andere Art der Abstimmung zu betrachten, eine, mit der man sich irgendwie abgrenzt von Gruppen oder der Allgemeingesellschaft, die, wenn überhaupt, mit Mehrheitsentscheiden abstimmen. Wir brauchen in unseren Kämpfen alle Menschen, die den Wunsch und das Commitment haben, sich einzubringen. Menschen zu verlieren, weil sie das Gefühl haben, dass ihre Ideen oder Ängste nicht gesehen werden, ist nicht nur schade, sondern auch gefährlich: Es kann dazu führen, dass in unseren Gruppen alles beim Alten bleibt, weil immer die gleichen Leute auf die gleiche Art und Weise Entscheidungen durchdrücken. Der Konsens räumt nicht automatisch aus dem Weg, dass manche versuchen können, andere zu übertönen – auch hier muss immer wieder reflektiert werden, welche Mechanismen innerhalb der Entscheidungs-findung noch im Spiel sind.

Die Kraft von Konsensentscheidungen liegt oft darin, nicht aus verschiedenen Optionen die zu wählen, die einige begeistert und/oder bei der am wenigsten Widerspruch kommt. Stattdessen kann man gemein-sam mit allen mit verschiedenen Methoden an den Vorschlägen feilen, bis einer herauskommt, der für möglichst viele, vielleicht sogar alle, ein guter Vorschlag ist. (Es soll nicht darum gehen, einfach so lange mit der gleichen Frage im Kreis zu sitzen, bis alle nur noch „dann mach halt“ sagen – Kleingruppen-diskussionen, Rückkopplungsprozesse etc. helfen, die Entscheidungsfindung anders zu strukturieren. Teilweise gestalten Gruppen die Struktur ganzer Wochenendtreffen mit verschiedenen Phasen von Konsensentscheidungsfindung im Hinterkopf.) Idealerweise gäbe es so keine Minderheit, die sich übergangen fühlt, denn alle sollen sich in ihren Bedürfnissen und Bedenken ernstgenommen fühlen und ermutigt werden, die Entscheidung mitzuformen. Bei Entscheidungen, die beispielsweise die Schwerpunktsetzung einer Gruppe für die nächsten Monate festlegen, macht es das Bewusstsein für die Tragweite der Art der Entscheidungsfindung viel unwahrscheinlicher, dass Personen sich dem gemeinsamen Projekt nicht verpflichtet fühlen, davon frustriert sind oder diesem irgendwann vielleicht sogar ablehnend gegenüberstehen – denn sie haben es ja mitgestaltet. Es geht also viel weniger um den Akt der Entscheidungsfindung an sich, als vielmehr um den Prozess des Austauschens und Diskutierens von Ansichten. Das heißt dann eben auch nicht, dass fortan die Frage „Was gibt’s zum Mittagessen?“ immer im Konsens abgefragt werden muss, sondern eben die Fragen, die bei unachtsamer Handhabung wirklich zu längerfristigem Unwohlsein einiger Beteiligter führen könnten. Wobei das der Fall sein könnte ist nicht immer offensichtlich, teils braucht es ein gewisses Gespür oder Bewusstsein dafür.

Die Stimmen mancher Menschen oder Gruppen werden in der Gesellschaft weniger gehört, wertgeschätzt oder ernstgenommen. Aufgrund unserer Sozialisation sind wir auch in hierarchiekritischen Bewegungen nicht frei von derartigen Mechanismen. Wenn wir alle mitnehmen wollen, müssen wir vielleicht manchmal denen mehr Raum geben, die sonst kaum einen haben. Das äußert sich auch, aber nicht nur z.B. in quotierten Redelisten, sondern auch in der Zugänglichkeit von Plena: Reden alle, die re-den, akademisch vor sich hin? Gibt es (wechselnde!) Kinderbetreuung? Ist der Raum barrierearm zugänglich? Auf welchen Sprachen kann das Plenum stattfinden? Wer hat überhaupt vom Plenum erfahren können? Einen guten Konsensprozess, der alle mitnimmt, anzuleiten, ist ist zwar keine Zauberei, aber auch nicht immer so einfach. Insbesondere in schwierigen Situation kann es Sinn machen, ein Gruppen- oder Bündnistreffen mit externen Moderator*innen zu unterstützen. Und: Das alles lässt sich lernen, Material findet ihr z.B. bei Skills for Action (18), beim Kommunikations Kollektiv (19) oder dem Netzwerk Konfliktmoderation (20) – denn es ist ein viel zu großes Thema, um es hier mehr als nur anzuschneiden.

(18) https://skillsforaction.wordpress.com/
(19) http://www.kommunikationskollektiv.org
(20) https://netzwerkkonfliktmoderation.wordpress.com/

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