Umgang mit Gegenwind


In diesem Kapitel beschäftigen wir uns viel damit, was es braucht, um aktiv zu werden, zu sein und zu bleiben – und das nicht alleine, sondern als eine kollektiv agierende Bewegung. Jap, da gibt es eine ganze Menge zu beachten. Aktiv zu bleiben hängt stark, aber eben nicht nur davon ab, wie ihr und eure Mitstreiter*innen auf eure Ressourcen und einander achtet. Die Klimagerechtigkeitsbewegung ist immer noch eine politische Bewegung, die sich gegen die herrschenden Verhältnisse auflehnt – was wiederum logisch zur Folge hat, dass es einigen Menschen und Institutionen lieber wäre, wir würden schweigen. Auf lange Sicht aktiv zu bleiben, kann also auch eine Frage dessen sein, wie wir uns entscheiden, mit dem Gegenwind umzugehen, der uns entgegenbläst. Die Anti Repressiongruppe Rheinisches Revier (AntiRRR) (21) teilt dazu mit uns einige Gedanken:

Umgang mit Gegenwind – oder: Was bedeutet Repression für die Art und Weise, wie wir uns organisieren?

Menschen, die sich für eine radikale Veränderung der Verhältnisse einsetzen, sind oftmals mit Repression konfrontiert. Aber was ist Repression eigentlich? Und wie können wir uns so organisieren, dass sie uns nicht davon abbringt, weiter aktiv zu sein? Was brauchen wir, um Repression nicht ohnmächtig ertragen zu müssen? Und wie können wir uns gegenseitig dazu befähigen, mit ihr umzugehen?

Wir gehen davon aus, dass die Art und Weise, wie wir uns organisieren eine Rolle bei der Wirkmächtigkeit bzw. dem Erfolg von Repression spielt.

Repression ist Gegenwind. Sie trifft Menschen, die sich nicht an Gesetze oder Normen halten bzw. die die herrschende Ordnung nicht akzeptieren. Die häufigsten Formen von Repression gehen von staatlichen Strukturen aus. Dazu gehören beispielsweise strafrechtliche Verfolgung und entsprechende Strafen, außerdem die direkte körperliche Gewalt, die von Polizist*innen ausgeht und die Überwachung auf der Straße und im Netz. Eine der brutalsten Formen der staatlichen Repression ist der Knast. Repression kann im zivilrechtlichen Bereich auch von privatwirtschaftlichen Konzernen ausgehen. Auch in der Gesellschaft erfahren wir Repression, zum Beispiel in Form von verleumderischen Zeitungsartikeln, sozialer Ausgrenzung oder Diskriminierung, sowohl wegen Aspekten unserer Identität als auch wegen unserer politischen Meinung. Und oft fühlt es sich einfach so an, als wären „alle gegen uns“. Die bevorzugten Aktionsformen von Menschen oder Gruppen sind nicht unbedingt als Einziges ausschlaggebend dafür, ob sie ein hohes Risiko haben, Ziel von Repression zu werden.

Die Ausübung von Repression verfolgt bestimmte Ziele. Zum Beispiel sollen Menschen aufhören, sich politisch zu engagieren, sie sollen aus ihrer Aktivität herausgedrängt werden. Ein Ziel ist es auch, dass der Fokus von Einzelpersonen und Bewegungen allein auf die Repression und deren Abwehr gerichtet werden soll. Dann fehlt die entsprechende Kraft für den ursprünglichen Kampf (z.B. gegen Klima-wandel). Ein weiteres wichtiges Ziel von Repression ist die Vereinzelung, da sie in den allermeisten Fällen Einzelpersonen trifft. Repression will außerdem Angst machen und einschüchtern. Auch das Hervorrufen von Traumata bei Aktivist*innen ist ein Ziel von Repression.

All diese Dinge sind scheiße! Sie machen etwas mit uns, das wir nicht wollen. Aber es gibt verschiedenste Möglichkeiten, auf sie zu reagieren und selbst wieder in die aktive, handelnde Position zu kommen. Diese können zusammenfassend als Anti-Repression bezeichnet werden und sind nötig für einen nachhaltigen Aktivismus.

Ein wichtiger Baustein der Anti-Repression ist Wissen. Aktivist*in-nen, die sich beispielsweise vor einer Aktion mit ihren Rechten und möglichen Folgen auseinandergesetzt haben, können Risiken besser einschätzen und wissen, wie sie sich entsprechend verhalten können. Außerdem wirkt Wissen selbstermächtigend und hilft gegen eine diffuse Angst vor Repression. Dabei ist auch ein Überblick über die Repression gegen die gesamte Bewegung hilfreich.

Da Repression ein Teil von Aktionen sein kann, sollte die Anti-Repression immer einen wichtigen Teil der Vorbereitung ausmachen. Dazu gehört auch, nach einer Aktion im Kontakt miteinander zu bleiben, um auch die Folgen gemeinsam zu bearbeiten.

Ein anderer Aspekt ist das Wissen um schützende Maßnahmen. Dazu gehört auf jeden Fall ein sensibler Umgang mit elektronischen Daten, dem Internet und Handys. Gruppen sollten sich mit der Frage beschäftigen, welche sensiblen Informationen nicht weitergegeben werden und wie es möglich ist, sich gegen Spitzel zu schützen. Mit solchen Fragen sollte achtsam umgegangen werden, da sie häufig mit starken Emotionen gekoppelt sind.

Repression hat grob gesagt drei verschiedene Dimensionen: eine rechtliche, eine emotionale und eine politische. Alle drei spielen daher auch in der Anti-Repression eine entscheidende Rolle.

Der Umgang mit Post von der Polizei oder Gerichten und mit Ve-handlungen erfordert Sachkenntnis und rechtliches Wissen. Es gibt Anti-Repressions-Strukturen von Aktivist*innen für Aktivist*innen, die gewissermaßen „Repression“ als ihre frontline verstehen. Dazu gehören Gruppen, die einen Ermittlungsausschuss stellen, die bei der rechtlichen Nachbereitung von Aktionen helfen, die sich um Laienverteidigung vor Gericht kümmern oder Menschen im Knast unterstützen. Nutzt sie, bzw. gründet welche! Ein outsourcing des Themas ist damit natürlich nicht gemeint. Betroffene und unterstützende Personen/Be-zugsgruppen sollten sich auch selbst mit den Vorgängen beschäftigen. Schließlich ist eine Anti-Repressions-Gruppe eine unterstützende Struktur, die gemeinsam mit Betroffenen Handlungs-möglichkeiten entwickeln kann. Deren Abwägung und Umsetzung kann aber nur gemeinsam gelingen und ist ein wichtiger Teil der Selbstermächtigung im Umgang mit Repression.

Repression hat immer auch emotionale Auswirkungen, sie will Aktivist*innen vereinzeln und handlungsunfähig machen. Daher ist es enorm wichtig, Raum zu schaffen, um sich über die eigenen Ängste und Befürchtungen auszutauschen. Gleichzeitig sollte vermieden werden, unnötige Panik zu verursachen und zu verbreiten. Solch ein Austausch braucht ein vertrauensvolles Klima in den Gruppen, die sich gemeinsam organisieren, und eine achtsame Atmosphäre. Menschen in einer Gruppe sollten sich gut kennen und beispielsweise aufmerksam werden, wenn (oder besser: bevor) eine Person nicht mehr zu Treffen kommt. Es braucht eine unterstützende Haltung, die fragt: „Kann ich etwas für dich tun?“, Menschen, die ansprechbar sind und dies auch zeigen.

Für (direkt und indirekt) Betroffene ist es wichtig, in sich hineinzuhorchen, die eigenen Gefühle ernst zu nehmen und sich auch ansprechen zu lassen, in dem Vertrauen darauf, dass die anderen dazu bereit sind, zuzuhören und nach ihren Möglichkeiten zu unterstützen.

Viele Gruppen wachsen an diesen geteilten Erfahrungen, auch wenn Repression sicher nicht das Lieblingsthema auf der Tagesordnung der meisten Gruppen werden wird.

Eine unterstützende Struktur von Aktivist*innen für Aktivist*innen bei emotionaler Belastung aufgrund von Aktivismus ist Out of Action.

Ein politischer Umgang mit Repression kann beispielsweise in Kampagnen oder Aktionsaufrufen bestehen. Es geht darum, Repression als etwas zu begreifen, dass die gesamte Bewegung schwächen möchte und entsprechend eine kollektive Antwort darauf zu finden. Eins der wichtigsten und gleichzeitig am meisten abgenutzten Schlagworte im politischen Umgang mit Repression ist Solidarität. Solidarität drückt aus, dass Menschen, Gruppen oder Bewegungen gerade angesichts schwieriger Umstände zueinander stehen und sich unterstützen, auch oder ganz besonders über ihre möglichen Unterschied-lichkeiten hinweg. Gängige Formen sind Solidaritätserklärungen oder Solitransparente. In manchen Fällen können Solidaritätsbekundungen leer und routiniert wirken. Das kann daran liegen, dass Menschen sich mit dem Thema nicht wirklich auseinandersetzen wollen und noch keine reflektierte Haltung zu Repression an sich haben. Aber es lohnt sich, sich Gedanken über angemessene und liebevolle Formen von Solidarität zu machen.

Solidarität kann über Bekundungen hinausgehen und sich in Aktionen äußern, die eine reale Schutzwirkung für die Betroffenen haben, und sei es z.B. das Spenden von benötigten Materialien für geräumte oder räumungsbedrohte Besetzungen. Auch Briefe an Menschen im Knast sind eine wichtige Form von Solidarität. Aktive Solidarität ist also unser Werkzeug gegen das erklärte Ziel von Repression, Bewegungen zu schwächen – oder auch Teile von ihnen abzutrennen oder gegeneinander aufzubringen. Eine Auseinandersetzung damit ist unabdingbar für eine starke und erstarkende Bewegung.

Zusammenfassend braucht es also eine Organisierung, die Aktivist*innen dabei unterstützt, aus einem passiven, ohnmächtigen Ertragen von Repression in eine ermächtigte, aktive Haltung ihr gegenüber zu kommen. Dazu braucht es Wissen und die Zusammenarbeit mit Anti-Repressions-Strukturen, genauso wie die gegenseitige emotionale Unterstützung und Formen liebevoller Solidarität untereinander. Durch gemeinsame Selbstermächtigung können wir die negativen Auswirkungen von Repression minimieren und so den Repressionsorganen kräftig in die Suppe spucken!

(21) Für mehr Informationen und Unterstützung siehe: www.antirrr.blogsport.de

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