Lotte – Care Arbeit und sozialen Bewegungen

Lotte, die sich viel mit dem Thema Care auseinander gesetzt hat, gibt uns einige spannende Punkte mit auf den Weg, die wir beachten sollten, wenn wir über Care-Arbeit im Kontext sozialer Bewegungen nachdenken und überlegen, wie wir der heute unsichtbaren Arbeit einen angemessenen Platz geben können:

Selbstsorge muss als kollektive Aufgabe in Bewegungen verstanden werden, um zu verhindern, dass es als ein individuelles Problem ins Private Einzelner verdrängt wird. Die Herausforderung einer jeden Struktur und Organisierung ist es, gemeinsam füreinander zu sorgen und zugleich Freiräume zu schaffen. Selbstsorge sollte nicht dann beginnen, wenn es bereits zu spät ist, sondern in einem ständigen kollek-tiven Prozess mitgedacht und -gelebt werden. So wurde zum Beispiel 2016 auf jedem Plenums-wochenende des Orgakreises des Klimacamps und der Degrowth-Sommerschule immer Zeit für den Gruppenprozess freigehalten, um Themen wie Stressbewältigung, Überforderung, Dankbarkeit, Finanzierung, das Gefühl zur Gruppe und einiges mehr zu besprechen. Auch die Wertschätzung der eigenen Arbeit und der anderer hatte Raum, was oft zu kurz kommt. Die bewusst organisierten Momente außerhalb von Plenumsdebatten und Arbeitspaketen haben die Menschen zusammenwachsen lassen, was viele sehr wertvoll fanden. Als Nebeneffekt wurde damit gleichermaßen der Einstieg von neuen Beteiligten in den Orgaprozess erleichtert, da es den Austausch neben den üblichen Freundschafts-Konstellationen förderte.

Anhand der kurzen Beispiele lässt sich ableiten, wie vielschichtig Care ist. Care, übersetzt mit sich sorgen für, sich kümmern um – um-fasst alle Sorgetätigkeiten, die entlohnten und unentlohnten, zu Hau-se, im Privaten, im Politischen oder in der Lohnarbeit, als Empfangende und als Gebende. Sorgetätigkeiten bilden die Grundlage, die uns Menschen dazu befähigen politisch, gesellschaftlich, ökonomisch aktiv zu sein und das auch dauerhaft zu bleiben. Es geht um alle Elemente der Wiederherstellung und Erhaltung des Lebensnotwendigen, wie Essen, Wohnraum, zwischenmenschliche Beziehungen, Selbstsorge, Unterstützung von Kindern, Kranken, Alten sowie die Sorge um den Planeten.

Problematisch ist die ungerechte Geschlechteraufteilung, einhergehende Abwertung und der versteckte Machtmechanismus bei Caretätigkeiten. Das Reproduktive, wie Kochen, Putzen, sich kümmern um sowie die emotionale Arbeit, werden im Großen und Ganzen als weniger wichtig, unsichtbar, weiblich, und nicht produktiv beschrieben. Im Gegensatz dazu steht das Produktive, wie eine Aktion, ein Interview oder die Erarbeitung eines Strategieentwurfs, das als männlich konnotiert, stark, wichtig und sichtbar gilt. Diese historisch gewachsene Ungerechtigkeit führt dazu, dass Sorgetätigkeiten bis heute zu einem Großteil (ca. 2/3 der unbezahlten Arbeit) von Frauen* verrichtet werden. Care, als Grundlage für unser Sein und Leben auf dem Planeten ist nicht abgebildet in ökonomischen und gesellschaftlichen Prozessen und wird oftmals stillschweigend vorausgesetzt. Vergleichbar mit der Ausbeutung natürlicher Ressourcen, bedient sich das System an der scheinbar kostenlosen und unendlichen Ressource der Carearbeiten.

Folglich tritt diese Polarität zwischen dem Produktiven und dem Reproduktiven auch in Graswurzel-Organisierungen auf. Ein Spannungsfeld ist beispielsweise die Trennung von Struktur- und Strategiearbeit. Strategiearbeit, konnotiert als das Wichtige („Es geht ja um die Bewegung“), was viel Wertschätzung und Anerkennung bekommt (Personen werden als unersetzbar und „Kopf“ der Bewegung gesehen) und außerdem gerne von männlich gelesenen Personen besetzt wird. Die Strategiearbeit erlaubt es sich, sich von der Strukturarbeit zurückzuziehen, weil es etwas „wichtiges“ zu besprechen und zu entscheiden gibt: Strategiedebatten werden verlängert auf Kosten von Gruppenprozessen und Caretätigkeiten. Im Gegensatz kann die Strukturarbeit als das vermeintlich weniger wichtigere, was nebenbei läuft, unsichtbar, natürlich und oftmals von weiblich gelesenen Personen erledigt wird, betrachtet werden. Wie schwer ist es doch, die Strukturaufgaben während der Aktion im Camp bei Ende Gelände 2015 aufrechtzuerhalten, sei es für die Essensversorgung, Hygiene, oder die Bereitstellung von Kinderbetreuung, wenn zeitgleich andere abenteuerliche Geschichten in der Kohlegrube erleben und die Aktionsbilder in den Nachrichten laufen. Der Gegensatz von Sichtbarem und Unsichtbaren ist mal stärker, mal schwächer wahrzunehmen. Auch wenn Menschen immer wieder die gleichen Aufgaben übernehmen, kann sich das falsche Bild davon, was Wertschätzung verdient, und dem, was „einfach so passiert“, verfestigen. Dabei sind „sichtbare“ und „unsichtbare“ Aufgabenbereiche nicht voneinander zu trennen und bedingen sich gegenseitig, ja, ohne die Care-Arbeit würde vieles gar nicht funktionieren können!

Nichtsdestotrotz bestehen in Bewegungen bereits etablierte Strukturen und Methoden, die bestimmte Bereiche einer wertschätzenden und kollektiven Care-Praxis leben. Hier ein paar Beispiele:

  • Antirepressionsstrukturen, welche Menschen beispielsweise bei Gerichtsprozessen begleiten, die von staatlichen Repressionen betroffen sind.

  • Out of Action, wo Menschen nach Aktionen, bei Gewalt oder Repressionen emotional aufgefangen werden und Unterstützung zur Bewältigung von Traumata gegeben wird.

  • Sanitäter*innen auf Camps, Demo und Aktionen, welche in Momenten physischer Notsituationen erste Hilfe leisten.
  • Kinderbetreuung – ein Raum für Kinder mit entsprechender Ausstattung und gemeinsame Betreuung, damit Bezugsmenschen entlastet werden und auch anderen Tätigkeiten nachgehen können.
  • Prozess-Arbeitsgruppe – Gruppen können sich entscheiden, eine AG zu gründen, die die unsichtbaren Prozesse (Gesamtgruppe, neue Beteiligte einbinden, Überblick, Moderation etc.) im Auge behält. Durch die Institutionalisierung dieser Aufgaben in einer AG werden diese sichtbarer und anerkannter für den Gesamtprozess.

Auch verschiedene Arten der Care-Arbeit können in der Bewegung unterschiedlich sichtbar sein: institutionalisierte Strukturen wie Antirepressionsgruppen, haben oft eine sehr viel größere Chance, dass ihnen im Plenum persönlicher Dank oder Applaus zukommt, als die Leute, die währenddessen auf die Kinder aufgepasst haben.

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