Geschichten erzählen – Geschichte schreiben


Selbst langfristig aktiv bleiben zu können, der Überarbeitung, Repression und sonstigen Widrigkeiten zu trotzen, ist unglaublich wichtig, um auch als Bewegung schlagkräftig zu bleiben. Wir wollen Menschen erreichen, begeistern, motivieren aktiv zu werden und dabei zu bleiben; irgendwie wollen wir auch, dass Menschen wütend werden. Wir wollen neue Menschen für die Bewegung gewinnen, und wir wollen uns selbst begeistert halten. Aber wie erreichen wir überhaupt diese Menschen, uns und andere, von denen wir wollen, dass unsere Themen für sie relevant sind? Welche Geschichten erzählen wir ihnen? Alex Wernke, Eva Junge und Julian Bleh vom Wandelwerk Umweltpsychologie geben uns folgendes mit auf den Weg:

Geschichten erzählen – Geschichte schreiben

Kindern erzählt man Geschichten zum Einschlafen – Erwachsenen, damit sie aufwachen.“ – Jorge Bucay

Das Organisieren von kollektiven Aktionen erfordert das Mobilisieren von Menschen. Sobald wir eine gemeinsame Vision für unsere Aktion(en) gefunden haben, wollen wir Gleichgesinnte dafür gewinnen, sie in den Prozess einbeziehen und gemeinsam handeln.

Die Kluft zwischen Wissen und Handeln überwinden

In früheren Organisationsmodellen wird dabei häufig die allgemeine Unwissenheit der Bevölkerung als Hauptproblem angesehen. Kampagnen, Slogans und Grundsatzerklärungen sind deshalb meistens darauf ausgerichtet, möglichst viele Fakten in die Köpfe der Menschen zu bekommen. Aktivist*innen konzentrieren sich darauf, Wissen zu verbreiten und verlieren sich allzu häufig in der Welt der wissenschaftlichen Fakten. Wenn wir uns jedoch einmal in unseren gut gebildeten und akademischen Kreisen umschauen, dann wird uns schnell klar, dass ein Informationsdefizit nicht das Problem ist. Der Zusammenhang zwischen Kohlenstoffdioxid-Konzentration in der Atmosphäre und zunehmender Erderwärmung scheint mittlerweile nahezu jedem bekannt zu sein. Hält dies Menschen davon ab, Autos zu fahren, konventionellen Strom zu beziehen oder exotische Früchte zu konsumieren? Bisher ist das leider nicht der Fall. Das Problem ist offensichtlich nicht, was Menschen nicht wissen, sondern was sie aus ihrem Wissen machen.

Wir scheinen uns im Klaren darüber zu sein, dass wir die Welt schrittweise zugrunde richten, wir wissen, wie wir unser Verhalten ändern müssten um dies zu verhindern – und wir tun es trotzdem nicht. Warum scheitert es immer wieder an dieser Kluft zwischen Wissen und Handeln?

Wir glauben, dass die gängige Art und Weise der Berichterstattung über den Klimawandel einen gewaltigen Teil dazu beiträgt, dass informierte und handlungsfähige Menschen passiv bleiben. Statistiken und Fakten scheinen die Menschen kalt zu lassen. Wenn überhaupt, gelingt es Berichten von Katastrophen und drohendem Unheil negative Emotionen beim Publikum zu entfachen. Auf diese Weise wird der Klimawandel und seine Konsequenzen häufig mit Angst und Trauer in Verbindung gebracht. Das hilft jedoch nicht dabei, neue Verhaltensmuster zu motivieren, sondern führt viel eher zu Distanzierung und Verdrängung. Umweltschützer*innen wären also gut damit beraten, in der Klimakommunikation mehr Wert auf inspirierende und lösungsorientierte Geschichten zu legen, die Bilder von positiven Utopien in den Köpfen der Menschen kreieren, anstatt sie mit Horrorszenarien abzuschrecken.

Wir erleben Geschichten täglich in allen Facetten, als Anekdoten, Filme, Märchen oder gutverpackte Medienberichte. Die Geschichten, die wir selber erzählen, zeigen das, was uns wichtig ist, sie zeigen die tief in uns verwurzelten grundlegenden Werte und unsere politische und soziale Weltsicht und Erklärungsmuster.

Kognitive Verarbeitung von Narrativen

Der Grund dafür, dass Geschichten über Utopien mehr bewirken können als „harte“ Statistiken und logische Fakten liegt darin, dass sie vom Menschen besser verarbeitet werden können. Die sogenannte „narrative Verarbeitung“ ist generell effizienter: Informationen in Form einer Geschichte sind einfacher zu verstehen, leichter zu behalten und werden von uns schneller aufgenommen (kürzere Lesezeit). Es wird davon ausgegangen, dass Menschen Informationen in vier Schritten verarbeiten, von Motivation & Interesse über Bereitstellung von kognitiven Ressourcen und Elaboration der Information bis zum Transfer ins Langzeitgedächtnis. Geschichten bieten in allen vier Schritten einen Vorteil gegenüber der argumentativen, auf Fakten basierenden Kommunikation.

Dass Geschichten in der menschlichen Kognition solch einen privilegierten Status genießen, liegt daran, dass sie eine Art „Standardmodus“ des menschlichen Denkens sind. Wenn wir unsere Ideen und Weltanschauungen in abstrakte Sprache fassen, entfernen wir uns immer weiter von unserer natürlichen Verständigungsweise. Es ist also höchste Zeit, dass wir uns in unserem Bemühen, Aufmerksamkeit sinnvoll zu nutzen und unsere Anliegen effektiv zu kommunizieren, an unsere Kindheit erinnern und an all die Fabeln und Geschichten, von denen wir Lektionen fürs Leben gelernt haben. Was uns damals fasziniert hat und uns auf Reisen in unbekannte Welten mitgenommen hat, davon können wir auch heute noch viel lernen; Geschichten erzeugen Bilder in unseren Köpfen und regen unsere Fantasie an, wie es kein wissenschaftlicher Bericht der NASA jemals könnte.

Identifikation durch Geschichten

Wir müssen also dem vorherrschenden wachstumspropagierenden „Business as usual“-Narrativ in unserer Gesellschaft mit alltagsrelevanten und sinnstiftenden Geschichten zu begegnen. Das heißt, aus den abstrakten Fakten zu Ursachen und Folgen des Klimawandels greifbare Erzählungen machen, die sich im Alltag der Menschen widerspiegeln. Nur so lässt sich auch Personen außerhalb der eigenen „Öko-Blase“ vermitteln, dass der Klimawandel mit dem eigenen Leben verknüpft ist und für unser (Über-)Leben fundamentale Bedeutung hat. Auf diesem Wege können wir unseren Mitmenschen Wege aus der eigenen Ohnmacht zeigen, indem wir ihnen individuelle und kollektive Handlungsmöglichkeiten präsentieren. Dabei ist es unsere Aufgabe als Organisator*innen, kollektiv-bedeutungsvolle Momente, Gruppen, Aktionen und Netzwerke zu schaffen, die Menschen in ihrer Lebensrealität abholen, ihnen zeigen, dass es Sinn macht, Widerstand zu leisten und sie zum Handeln inspirieren. Denn bedeutungsvolle und vielfältige Geschichten inspirieren Menschen, sich sozialen Bewegungen anzu-schließen. Sie bilden den Nährboden für Verbindungen innerhalb von Bewegungen, der die Menschen und ihr Engagement zusammenhält.

Eigenschaften bewegender Geschichten

Wenn du an die vielen verschiedenen kleinen und großen Geschichten von sozialen Bewegungen denkst, die dich bewegt und fasziniert haben, dann wirst du darin immer wiederkehrende Elemente entdecken. Wichtige Bausteine solcher inspirierender Geschichten für effektiven sozialen Wandel sind zum Beispiel:

  • Konflikt: Was ist das Problem? Wie ist es geframed (23), also mit welchen Begriffen eingerahmt und beschrieben? Wie können wir es mit unseren Werten und Lösungen umdeuten?

  • Charaktere: Wer sind die Guten, die Bösen, wer die Held_innen und wer die Betroffenen? Sprechen Betroffene für sich selber? Welche verbindenden Werte und welches positive ansteckende Bild und welche Botschaft vermitteln die Protagonist_innen der Bewegung?

  • Bilder erzeugen: Was ist das Bild, das wir in den Köpfen entstehen lassen wollen? Welche Sinne und Emotionen sprechen wir an?

  • Andeutungen: Welche Zukunftsvision bieten wir den Menschen an, wo finden sie sich wieder? Wie lassen wir die von uns angestrebte Zukunft als unausweichlich erscheinen?

  • Überzeugungen / Grundsätze: Welche Grundüberzeugungen müssen Menschen haben, um die Geschichte zu glauben? Welche Werte und Vorstellungen haben wir mit ihnen gemein? “
(23) Framing bedeutet zu definieren, was das Problem ist, wer davon betroffen ist, und was die Lösung ist. Kommuniziert nicht eure Taktik -was ihr tut-sondern eher, weshalb ihr tut, was ihr tut.” Weitere Infos dazu unter https://www.storybasedstrategy.org/frames.html

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