Bewusst mit Beziehungen umgehen – in der Praxis


Die Orga-Gruppe des Klimacamps im Rheinland hat sich immer weiterentwickelt und aus immer wieder anderen Konstellationen zusammengesetzt. Nach verschiedenen spannenden Kooperationen sollte im Jahr 2015 das erste Mal die Degrowth-Sommerschule, organisiert von unseren Freund*innen der Postwachstums-Bewegung, auf dem Klimacamp stattfinden. In dem Jahr gab es für die beiden Veranstaltungen noch separate Orga-Gruppen, manche Fragen wurden trotzdem in enger Abstimmung miteinander besprochen – schließlich organisierten wir doch im Grunde ein gemeinsames Camp. Im Jahr 2016 waren durch diese gemeinsamen Erlebnisse die Freundschaften eng zusammengewachsen und wir hatten viel Respekt und Vertrauen untereinander aufgebaut: Wir konnten uns gar nicht vorstellen, NICHT einen gemeinsamen Prozess, eine kollaborative Zusammenarbeit, zu haben. Einige verließen den Kreis, andere kamen hinzu, ein Kern an Menschen, die sich teils auch schon vor der ersten Kooperation kannten, blieb bestehen. In einem gemeinsamen Lern- und Lehrprozess teilten wir Organisierungs-erfahrungen miteinander und tauschten uns über Strukturen der verschiedenen Prozesse aus. So bemühten wir uns 2016 dann im Klimacamp- & Summerschool-Prozess ganz besonders, mit uns selbst gut umzugehen: Wir hatten eine sogenannte „Gruppenklima-AG“, die zum einen ansprechbar war für Konflikte innerhalb von Arbeitsgruppen oder bei Überforderung, die aber auch für jedes Orga-Treffen einen (freiwilligen) Programmpunkt vorbereitete, bei dem wir uns mit Themen, die auf den ersten Blick nichts mit der Organisierung des Camps zu tun hatten, auseinandersetzten: Wie entsteht Stress, und was können wir in unserem Orga-Kreis dagegen tun? Was für Hierarchien reproduzieren wir vielleicht in unserer Organisierungsweise, und wie können wir damit bewusst umgehen, vielleicht dem sogar entgegenwirken? Wie können wir verschiedene Arten von (politischer) Arbeit wertschätzen, unsere eigene und die von anderen? Woran merken die anderen, wenn es mir nicht gut geht, und wie kann ich dann unterstützt werden? Das alles sind Fragen und Themen, die viel Vertrauen untereinander voraussetzen. Die Gruppenklima-AG war sich auch nicht immer sicher, ob ihr Einsatz so sinnvoll war, nicht doch den „wichtigeren“ Themen Zeit raubte. Die Rückmeldung des Orga-Kreises war aber überwältigend positiv. Es wurde sich gewünscht, auch in Zukunft eine Gruppenklima-AG zu haben.

2017 passierte dann unglaublich viel auf einmal: Dann sollte es im Sommer insgesamt drei Camps geben, inhaltlich unterschiedlich ausgerichtet, dazu vielfältige Aktionstage, während derer mehrere tausend Menschen auf den Camps unterkommen sollten. Und pötzlich sahen wir uns einer Vielzahl von Aufgaben gegenüber, die es so in den Vorjahren nicht gab und an allen Ecken und Enden mussten immer wieder Absprachen mit anderen Orgaprozessen getroffen werden. Manche beschrieben es als ein „von Aufgaben überrollt werden“. Gleichzeitig wandten sich viele Menschen aus dem vorherigen Orga-Kreis anderen Aufgaben zu, und viele neue kamen stattdessen hinzu – welch großartiges Gefühl, Menschen inspiriert zu haben bei uns mitwirken zu wollen, yeah! Irgendwie hatten wir aber weniger Zeit und Raum für „uns“ als zuvor (z.B. fand sich niemand für eine Gruppenklima-AG – alle waren anderweitig verplant). Beim dritten Treffen, das gemeinsam mit dem Orga-Kreis von Ende Gelände – ebenfalls Teil der oben beschriebenen Aktionstage – stattfand, merkten wir, dass es so nicht weitergehen würde: Obwohl uns das so wichtig war, hatten wir quasi keine Zeit, neue Menschen vernünftig einzubeziehen, sondern stürzten uns immer wieder direkt in komplexe und voraussetzungsreiche inhaltliche Diskussionen – in denen die, die neu dazukamen, erst einmal total verloren waren. Von einigen Menschen, die bei den vorherigen beiden Treffen neu und hochmotiviert dabei waren, hatten wir nichts mehr gehört – und konn-ten nicht anders als uns zu fragen, ob das alles besser gelaufen wäre, wenn wir es besser geschafft hätten, sie auch in die Gruppe als soziales Gefüge besser einzubinden, und nicht nur offene Aufgaben vorzuschlagen.

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