Aktiv sein und aktiv bleiben


Timo Luthmann, der auch bei ausgeco2hlt aktiv ist, setzt sich schon lange intensiv mit der Langlebigkeit von Bewegungen, mit nachhaltigem Aktivismus, auseinander. Er schreibt zur Zeit ein Buch zu diesem Thema. Wir haben das Gefühl, dass sich im Konzept viele der Überlegungen aus diesem Kapitel unserer Broschüre wiederfinden, und dabei noch einmal in einem anderen Licht betrachtet werden. Lest hier Timos persönliche Erklärung, was nachhaltiger Aktivismus ist und weshalb wir ihn brauchen, gekürzt einem Interview entnommen (22):

Nachhaltiger Aktivismus bedeutet für mich einen Weg gefunden zu haben, mich in meiner politischen Arbeit persönlich entwickeln zu können und eine lebenslange Widerstandsperspektive zu haben, die weiter geht, als einfach nur eine Jugendrevolte. Es ist eine praktische Strategie für individuelle Selbstverwirklichung und kollektive Befreiung. Gleichzeitig bedeutet nachhaltiger Aktivismus für mich ein glückliches Leben in falschen Lebensumständen zu führen. Durch meine jahrelange Beschäftigung mit nachhaltigen Strategien habe ich für mich drei Grundsäulen des nachhaltigen Aktivismus freigelegt:

  1. Reflexion über politische Veränderung und politisch-strategisches Handeln
  1. individuelle Resilienzstrategien („wie kann ich individuell meine Widerstandskraft stärken?“)
  1. kollektive Resilienzstrategien („wie können wir gemeinschaftlich unsere Widerstandskraft stärken?“)

Anders formuliert trifft folgende Frage den Kern des nachhaltigen Aktivismus: Was gibt eigentlich den Menschen die Kraft zu kämpfen? Wenn wir dies wissen und weitergeben können, haben wir den politi-schen Joker!

Nachhaltiger Aktivismus ist entscheidend für soziale Bewegungen um erfolgreich zu sein. Durch Burnouts, Posttraumatische Belastungsstörungen, Repression und ein zu wenig unterstützendes Umfeld, verlieren wir die treibende Kraft von Bewegungen: Erfahrene Aktivist*innen. Wenn diese wegbrechen, gehen wertvolle Erfahrungen, Wissen und Kontakte verloren und reißen riesige Löcher in unsere Bewe-gungsnetze. Dadurch werden oftmals Bewegungsfortschritte verhindert und alles fängt von vorne an. Dazu kommt eine Negativspirale, da durch wegbrechende Aktivist*innen mehr Arbeit für bestehende Ak-tivist*innen verbleibt. Dies schreckt neue Leute ab, in die Bewegung einzusteigen usw.

Durch nachhaltigen Aktivismus werden wir strategischer, gehen besser mit uns selbst um und bauen ein stärker stützendes Umfeld für die Aktivist*innencommunities auf. Dadurch können wir zufriedener und glücklicher in emanzipatorischen Bewegungen aktiv sein und durchbrechen den Negativtrend. Wir besitzen mehr Ausstrahlungskraft und ziehen statt dessen mehr Menschen an. Anstatt immer weniger, werden wir mehr.

Wie kann Nachhaltiger Aktivismus als ein Konzept Menschen bei der Entwicklung eines langfristigen politischen Engagements helfen und wer kann es anwenden?

Das Konzept hilft in erster Linie durch Sensibilisierung und Bewusstseinsbildung. Es schärft unseren Verstand und macht uns verschiedensten „Werkzeugen“ zur Stärkung unserer individuellen wie kollektiven Widerstandskraft vertraut. Gleichzeitig macht es uns für die verschieden Bezüge und Zusammenhänge sensibel, also was zieht mir und uns Energie und wo laden wir unsere Batterien wieder auf. Auch geht es um Wertschätzung von althergebrachten Bewegungsstrategien wie zum Beispiel Antirepressionsarbeit oder dem Kampf gegen Sexismus und Rassismus auch innerhalb der Bewegung und unserer Gruppen, aber in einer konstruktiven Weise.“

(22) Das ganze Interview findet ihr unter https://www.underdog-fanzine.de/2017/03/16/timo-luthmann-klimakollektiv/

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