Transformativ und Organisieren – Aber wer sind diese Communities?


Auch wenn es sich oft so liest sind mit Gemeinschaften im Sinne von communities nicht immer nur Nachbarschaften gemeint. Eine Gemeinschaft kann beinahe jede Identität sein, die du dir bewusst aneignest, kollektivierst und dann mit ihr arbeitest.

Wenn Menschen sich auf betroffene Gemeinschaften beziehen, reden sie üblicherweise von solchen, die örtlich basiert sind. Es kann eine Nachbarschaft, ein Stadtviertel oder eine Region sein, immer abhängig davon, was Menschen für Gemeinsamkeiten und Beziehungen haben. Oft leben z.B. mehrere Familien seit Generationen in der gleichen Gegend und haben allein deshalb eine ganz besondere Beziehung zuein-ander und zu ihrer Organisierungskraft. Auf die konkreten Erfahrungen, die Menschen in ihren örtlich basierten Gemeinschaften machen, haben natürlich noch viele weitere Faktoren (Familie, Traditionen, Gewichtung verschiedener „Themen“ an dem Ort) einen Einfluss – in der Kleinstadt im Kohleabbau-gebiet wird sich die Tochter einer Bergbauarbeiterin wahrscheinlich zunächst anderen Themen und Gruppen verbunden fühlen als ihre Klassenkameradin, die mit Eltern, die sich gegen den Kohleabbau zur Wehr setzen, aufgewachsen ist.

Der Begriff der Gemeinschaft muss hier aber nicht aufhören: Z.B. können universitäre Gemeinschaften, aktive Kirchengemeinschaften oder Bündnisse des Arbeitsplatzes wegen entstehen, eben durch die Zugehörigkeit zu genau diesen Institutionen.

Menschliche Beziehungen verändern sich im Laufe der Geschichte, viele kennen heute ihre Nachbar*innen überhaupt nicht. Dafür kann man soziale Netzwerke im Internet teils schon als Gemeinschaften betrachten – z.B. können Menschen, die in ihrer näheren Umgebung niemanden mit ähnlichen (Diskriminierungs-)Erfahrungen kennen, online wichtige Kontakte knüpfen, sich organisieren und so letztendlich eine Gemeinschaft finden, die sie unterstützt. Gleichzeitig nutzen Organisationen wie Avaaz, WeChange, Campact und viele andere das Netz für rein digitale Organisierung – sie erreichen damit viele Menschen, aber wie tief fühlen diese sich den Themen des „Clicktivismus“ und einander dann verbunden? Es wäre spannend, wenn dieses Potential der großen Reichweite mit einer größeren Tiefe verbunden werden könnte.

Wie auch immer wir Gemeinschaften verstehen, es ist wichtig anzuerkennen, dass sie nie Gruppen völlig gleicher Menschen sind. Es tummeln sich unterschiedliche Erfahrungen, Ansichten, Visionen und Analysen, die sich teils auch widersprechen können, innerhalb jeder Gemeinschaft und Menschen sind nie nur Teil von einer Gemeinschaft.

Überschneidungen zwischen den Kämpfen verschiedener Gemeinschaften zu finden kann einfacher werden wenn wir erkennen, dass wir und andere immer Teil verschiedener Gemeinschaften gleichzeitig sind. Diese unterschiedlichen Betroffenheiten dann auch zu diskutieren und sich letztendlich zusammenzuschließen, ist dadurch aber nicht zwingend einfacher.

Nicht zuletzt sind wir alle, die diese Broschüre schreiben und vermutlich die meisten, die sie lesen auch Teil einer Gemeinschaft von Aktivist*innen. Diese Selbst-Identifizierung kann den Aufbau der zwischen-menschlichen Beziehungen stärken und Kraft und Halt geben. Manche bei ausgeco2hlt nennen ihre Polit-Gruppe auch ihre bewusst gewählte „Familie“ – was nicht nur ein schönes Gefühl sein kann, sondern uns auch bestärkt, weil es die tiefe Bedeutung dieser Beziehungen hervorhebt. Es wichtig anzuerkennen, dass eine solche Gemeinschaft anders betroffen ist, als z.B. eine lokale Gemeinschaft in einem Kohlerevier. Das hilft uns wiederum dabei zu verstehen, wie nah unsere Arbeit an der konkreten Lebensrealität derer ist, die betroffen und daher für unsere Bewegungen so zentral sind.

Sich bewusst zu machen, dass es viele Arten von Communities gibt, kann dabei helfen, die Mammutaufgabe des transformativen Community Organizing besser einzuschätzen. Es muss nicht alles und sofort passieren, du musst nicht in einem Jahr alle Arbeiter*innen der Stadt auf deiner Seite haben. Die Praktiken und Ideen des transformativen Community Organizing lassen sich auch aus diesem Rahmen gelöst einzeln betrachten und ausprobieren. Sie laden zum Experimentieren in verschieden großen oder kleinen Zusammenhängen ein, zum Experimentieren mit Formen der Basisorganisierung, mit Beziehungen, mit der Art und Weise, wie wir Menschen begeistern und von ihnen begeistert werden wollen. Und genau das wollen wir mit dieser Broschüre: Anstöße geben, Dinge auszuprobieren. Wir wissen, dass wir eine breite Bewegung brauchen, eine mit vielen selbst-organisierten, gut vernetzten Gruppen, und ein Standardrezept, um das zu erreichen, gibt es nicht. Warum also nicht etwas Neues wagen?

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