Exkurs: Transformatives Community Organizing

In diesem Exkurs möchten wir euch ein Konzept vorstellen, dass in vielen Bewegungen in den USA weit verbreitet ist und in der dortigen Klimagerechtigkeitsbewegung, aber auch hier in Deutschland langsam mehr Anwendung findet; das transformative Community Organizing (TCO). (13) Auch die US-amerikanische Originalbroschüre, die die Grundlage für dieses Heft war, ist stark von diesem Konzept geprägt. Bei ausgeco2hlt arbeiten wir (noch) nicht explizit mit diesen Ideen, auch wenn wir uns an vielen Stellen darin wiederfinden. Innerhalb unserer Gruppe haben wir keine Einigkeit darüber, ob sich unsere Arbeit und die Bewegung stärker am transformativen Community Organizing orientieren sollte, deswe-gen möchten wir hiermit einen Impuls für Diskussionen über dieses neue Konzept geben. (14) Wir selbst hatten viele offene Fragen das Konzept betreffend, bei deren Beantwortung uns das Buch „Community Organizingzwischen Revolution und Herrschaftssicherung“ von Robert Maruschke sehr geholfen hat. Wir wollen mit diesem Exkurs einen Überblick über Community Organizing geben und eine Diskussion in der Bewegung über weitergehende Organisierungsstrategien anstoßen.

Maruschke unterscheidet zunächst zwischen liberalem und transformativem Community Organizing. Im transformativen Community Organizing benennen die Gemeinschaften, die sich organisieren, tiefer liegende strukturelle Fragen der Gesellschaft (Rassismus, Sexismus, Profitlogik…) und gehen sie an, im liberalen Community Organizing begreifen sie ihre Probleme als isoliert. In letzterem Ansatz versuchen sie Veränderung nur im Rahmen der existierenden Strukturen zu erreichen und sind damit letztendlich herrschaftsfreundlich, selbst wenn sie evtl. durch scheinbar radikale Aktionen auffallen. (15)

Auf unterschiedliche Arten werden Bürger*innen heutzutage von oben herab „aktiviert“ – es findet eine Einbindung in gesellschaftliche Prozesse und Gremien statt, dies bleibt aber weitestgehend unkritisch. Die Bürger*innen können gar nicht auf Augenhöhe mit Politiker*innen etc. verhandeln, denn sie haben keine wirkliche demokratische Entscheidungsmacht. Bürger*innenbeteiligung wird betrieben, um sagen zu können, die Menschen seien eingebunden gewesen, nicht, um ihren Wünschen tatsächlich zuzuhören. Es kommt so oft eher zu einer Vermittlung von Wirtschaftsinteressen (z.B. Aufwertung von Stadtteilen). Es ist also kein Wunder, dass Formate wie Runde Tische und Büger*innenplattformen, die das Organisierungspotential von Menschen in die herrschenden Strukturen einbinden und diese damit reproduzieren, bei vielen linkspolitisch organisierten Menschen ein Stirnrunzeln hervorrufen. Dies sind auch die in Deutschland am häufigsten zu findenden Beispiele für (liberales) Community Organizing.

Wir wollen uns aber mit sozialem Aktivismus, mit der transformativen Variante des Community Organizing, beschäftigen. Robert Maruschke schlägt dafür vier Eckpunkte vor: eine kritische Analyse der und eine grundsätzliche Opposition gegen die gesellschaftlichen Verhältnisse, eine explizit politische Basisarbeit, konfrontative Politikformen und die Etablierung einer organisationsübergreifenden, grenzenlosen und praktischen Solidarität. Für die linke Bewegung in Deutschland ist dabei die Kombination aller vier, vor allem aber der Fokus auf die Basisarbeit, neu. Auch in der jetztigen Klimagerechtigkeitsbewegung leisten wir eine gewisse Art der Basisarbeit, jedoch ist diese weniger klar konzeptionalisiert und strategisch ausgerichtet, als es das transformative Community Organizing vorschlägt.

Schon vom Ansatz her ist transformatives Community Organizing intersektional: es erkennt Erfahrungen von Unterdrückung und Herrschaft als vielgestaltig an, sowohl als strukturelle Probleme als auch als individuelle Erfahrungen. Bei diesen eigenen Erfahrungen setzt das TCO an: die Betroffenen, die Basis organisiert sich. Zentral ist eine geteilte emanzipatorische Vision, die immer wieder laut werden muss, und die für mehr kämpft als das, was realistisch zu gewinnen ist – nämlich für die Veränderungen, die für ein gutes Leben notwendig sind. Hier spiegelt sich die Idee wieder, dass sich Herrschafts- und Diskriminierungsverhältnisse überlappen und in ihrer Ganzheit überwunden werden müssen. Diese Kämpfe werden in demokratischen Strukturen, in denen auf verschiedenen Wegen tatsächlich alle mitwirken können, organisiert. Der in diesen Strukturen wichtige Begriff leadership hat im US-Kontext einen explizit basis-demokratischen Gehalt: er bezeichnet die klare Benennung von Verantwortlichkeiten, so dass nicht vordergründig Arbeit und Macht gleich verteilt sind, in Wirklichkeit aber doch wie so oft einige wenige mehr Einfluss nehmen. Leadership heißt auch, dass die besonders von Ungerechtigkeit Betroffenen die Richtung vorgeben, also eine Organisierung von unten nach oben. Dafür ist es auch nötig, dass alle Beteiligten sich (gegenseitig) weiterbilden und immer wieder ihre politischen Analysen diskutieren, sodass die Basis nicht auf richtungsweisende Bewegungsexpert*innen angewiesen ist. Auch wenn wir bei ausgeco2hlt manche Ansätze dieser Ideen gut finden, werden wir Begriffe wie „leadership“, Führung oder ähnliches nicht verwenden.

Dass die Bedürfnisse gemeinsam organisierter, aber unterschiedlich betroffener Menschen einander entgegengesetzt sind, ist nie von vornherein auszuschließen, kann aber durch ein vertrauensvolles Diskutieren der unterschiedlichen Erfahrungen überwunden und zu Solidarität werden.

Wir wollen uns im Folgenden der in unseren Kontexten am wenigsten diskutierten der vier Säulen widmen: Der politischen Basisarbeit.

Im transformativen Community Organizing ist klar, dass politische Erfolge hauptsächlich über eine starke, selbstbewusste und handlungsfähige Basis (und nicht etwa über Lobbyarbeit oder Parteivorsitzende) erreicht werden. Wer konkret diese Basis ausmacht und ausmachen soll, ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Allen gemeinsam ist jedoch, dass die am stärksten Betroffenen einer Ungerechtigkeit der Kern der Basis sind. Durch die Ermächtigung der am wenigsten mächtigen sollen gesellschaftliche Ungerechtigkeiten überwunden werden. Für die US-Klimagerechtigkeitsbewegung heißt dies beispielsweise, dass indigene Gemeinschaften, durch deren Ländereien Pipelines gebaut werden sollen, Führungsrollen in der Bewegung einnehmen und dass privilegiertere und nicht direkt betroffene Menschen ihre Arbeit als Unterstützerinnen danach ausrichten.

Von Themen wie der Verknappung bezahlbaren Wohnraums oder Rassismus auf dem Arbeitsmarkt fühlen sich problemlos tausende Menschen in einer Gegend betroffen. Und tatsächlich gelingt es in den USA teilweise auch, dazu hunderte oder tausende zu organisieren. (16) Nicht selten geht dies dort mithilfe von hauptamtlich bezahlten „Organizer*innen“ vonstatten, was einen deutlichen Unterschied zu hier üblichen Basisorganisationen, aber nicht zwingend eine Anpassung an die herrschenden Verhältnisse darstellt (17) (auch wenn wir finden, dass eine Bewegung nicht von Leuten getragen werden sollte, die bezahlt werden). Stattdessen soll dies für verlässliche und langfristig stabile Strukturen sorgen. Die Menschen werden da abgeholt, wo sie in ihren konkreten Lebenssituationen sind, ermutigt, sich einzubringen, und in ihren Erfahrungen ernst genommen. Verbindliche Strukturen schaffen einen Einstieg und binden Menschen langfristig ein. Es ist dieser Fokus auf den Alltag und die konkreten Probleme der Menschen (im Gegensatz zu phrasenhaften Parolen oder sinnentleerten Pamphleten), der Menschen zusammenbringt und organisiert, ihre Handlungsfähigkeit erhöht, ihren Einfluss auf die eigene Lebensrealität steigert und auf diese Weise die Gesellschaft aus den alltäglichen Lebenszusammenhängen heraus politisiert.

Wo aber findet die Klimabewegung ihre Basis? Sowohl die USA als auch Deutschland sind im Verhältnis weit mehr an der Produktion des menschengemachten Klimawandels beteiligt, als sie in näherer Zukunft unter seinen Auswirkungen zu leiden hätten. Dennoch haben wir „Betroffenheit“ bisher nur so diskutiert, dass sie lokale Auswirkungen des Kohleabbaus, zum Beispiel Zwangsumsiedelungen, meint. Die Betroffenheiten des Klimawandels sind aber global ungleich verteilt. Doch sind in Deutschland wirklich nur die Menschen, die in der Nähe von Kraftwerken und Tagebauen wohnen, direkt von der Produktion des Klimawandels betroffen? Es gibt auch gute Gründe, ohne lokale Betroffenheit gegen den Kohleabbau zu kämpfen. Diese enge Definition von lokaler Betroffenheit im Konzept des transformativen Community Organizing scheint uns auf den Klimawandel und die von ihm verschärften sozialen Ungerechtigkeiten, die eben nicht nur lokal begründet sind, nicht direkt anwendbar zu sein.

Wir können also festhalten, dass in unserer spezifischen Situation Betroffenheiten teilweise viel schwerer zu fassen sind, als in den ursprünglichen Anwendungsgebieten des Community Organizing. Andererseits kann uns das Konzept auch die Augen dafür öffnen, unsere Bewegung neu auszurichten. Lasst uns einmal ein wenig fantasieren: Stellen wir uns vor, dass wir zukünftig in die Dörfer im Tagebaugebiet gingen, immer wieder, und fragen würden, was die Menschen dort brauchen, dann könnte es gut sein dass wir eine ganze Zeit lang mit ganz anderen Themen beschäftigt wären als denen, die uns zuallererst unter den Nägeln brennen. Da es im TCO nicht um die Organizer*innen, sondern um die Betroffenen geht, würden diese neuen Forderungen an Stellenwert gewinnen. Vielleicht wäre z.B. das Thema Gesundheit prominent vertreten, sei es durch viele kohlebedingte Krankheiten, oder schlechte Arbeitsbedingungen in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen. Dies könnte ein Schlüssel dafür sein, Kämpfe um Arbeitsrechte mit denen um Care/Reproduktion (s.u.) und Gesundheit zu verbinden. Im Laufe des Organisierungsprozes-ses würden wir eine Basis aufbauen, (Zwischen-)Erfolge erzielen und selbstbewusste, politisierte Gemeinschaften aufbauen. Diese wären, wie immer, nicht homogen und in sich widersprüchlich. Einige Menschen in der Gemeinschaft wären auch von der Kohle negativ betroffen und könnten ihre Erfahrungen aus dem vorangegangenen Kampf um Gesundheit in ihrem eigenen Kampf gegen die Kohle nutzen.

Natürlich hat der Ansatz auch seine Schwächen: sicher würden wir als Politgruppe nicht jeden Wunsch lokal betroffener Menschen unterstützen wollen, nur weil er lokal ist – wenn wir den Eindruck gewinnen, dass es nicht strategisch sinnvoll ist, sich einzubringen. Interessen in verschiedenen betroffenen Gemeinschaften können sich widersprechen und der Umgang damit kann schwierig sein. Möglicherweise ist auch der Einfluss auf lokale politische Entscheidungsträger*innen bei uns weniger ausschlaggebend für Entscheidungen, die das Klima betreffen, als in den USA.

In der deutschen Klimagerechtigkeitsbewegung, aber auch bei ausgeCO2hlt, haben die am stärksten Betroffenen meistens keine Führungsrollen inne. Große Teile der Bewegung sind dominant weiß und oftmals akademisch und städtisch geprägt. Dies führt zu Stellvertreterpolitik und Debatten, die in den Leben der lokal Betroffenen in den Kohlerevieren oftmals keine Rolle spielen. Viele von ihnen haben zu Recht das Gefühl, dass unsere Bewegung ihre konkrete Lebenssituation nicht verbessern kann, ja sogar dies oftmals gar nicht möchte.

Wegen dieser zwangsläufig offen bleibenden, sich immer wieder ändernden Fragen nach thematischen Prioritäten, der Zusammensetzung der politischen Basis und der Bewegungsstrategie bezeichnet Robert Maruschke das TCO auch als „Soziale Suchbewegung“, womit er eigentlich meint, dass Organisierungszusammenhänge ihre Visionen und ihre Praxis regelmäßig reflektieren und gegebenenfalls korrigieren müssen. Wir möchten den Begriff hier aber zusätzlich so verstehen, dass er auch heißen kann, sich das Community-Organizing-Konzept, das in vielen Fällen eben sehr erfolgsversprechend für wirklich emanzipatorische Organisierung großer Menschengruppen ist, überhaupt erst zu eigen zu machen. Aber wenn der „Schuh“ des Community Organizing nicht von vornherein passt, dann muss man ihn nicht wegschmeißen. Man kann ihn behutsam weiten, immer wieder mit den Zehen wackeln, und die Sohle bereit machen für den langen Weg, den wir in ihm laufen wollen.

(13) In diesem Text werden wir – in Anlehnung an die größere Diskussion hierüber – den englischen Originalbegriff verwenden. Wir freuen uns über Debatten über einen deutschsprachigen Begriff, halten diesen Text aber nicht für angemessen, diese zu führen.
(14) Als Grundlage dieses Textes diente uns: Maruschke, Robert, Community Orga-nizing. Zwischen Revolution und Herrschaftssicherung – Eine kritische Einführung, 2014, das wir für einen tieferen Einblick in das Thema sehr empfehlen
(15) s. dazu: Alinsky, Saul D., Rules for Radicals. A Pragmatic Primer for Realistic Radicals, 1971
(16) Einzelne Organisationen mit großer Basis und vielen Aspekten des TCO sind auch schon in Deutschland zu finden, z.B. Kotti & Co: https://kottiundco.net oder das Bündnis Zwangsräumungen verhindern: http://berlin.zwangsraeumungverhindern.org/
(17) Wir befürworten bei unserer politischen Arbeit das Konzept des leistungsbefreiten Solitopfes, wie es in Kapitel 4 erklärt wird, da wir teilweise schlechte Erfahrung mit bezahlten Stellen gemacht haben.

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