Betroffenheit


Eine Einsicht, die die Umweltgerechtigkeit der Welt bietet, ist die der unverhältnismäßigen Betroffenheit. Damit ist gemeint, dass Rassismus und Armut maßgeblich bestimmen, welche Bevölkerungsgruppen von Umweltkrisen negativ betroffen sind und wer profitiert, sei es bei gesundheitsschädlichen Arbeitsbedingungen in der industriellen Landwirtschaft, der Standortsuche für Giftmülldeponien oder bei asbestbelasteten Hochhäusern.

Da wir nicht alle im selben Boot sitzen, ist diese ungleiche Verteilung von Betroffenheit verbunden mit einer ungleichen Verteilung von Privilegien. Nicht alle können es sich einfach leisten, nicht darüber nachdenken zu müssen, wo Strom und Heizöl herkommen oder was sie kosten. Und nicht alle können oder dürfen einfach wegziehen, wenn in der Nähe des Wohnortes giftige Industrien ansässig sind.

Wenn wir uns von der Umweltgerechtigkeit hin zur Klimagerechtigkeit bewegen, dann müssen wir viel weitgehender über Betroffenheit nachdenken. Wir erweitern unseren Blickwinkel und sehen uns auch die anderen, nicht-lokalen Bestandteile der Klimakrise an. Plötzlich geht es nicht nur etwa um Schwermetalle im Trinkwasser, sondern auch darum, dass anderswo Kriege geführt werden, um den Zugang zu fossilen Ressourcen zu sichern (welch Zynismus, dass die Armeen dieser Welt mit die größten Ölverbraucher sind). Darum, dass in deiner Stadt Geflüchtete unterkommen, von denen vielleicht manche unter anderem (!) wegen Hungersnöten, wegen Dürren nicht in ihrer Heimat bleiben konnten. Darum, dass hier Arbeitsplätze verloren gehen, weil Industriebereiche in andere Länder mit niedrigeren und damit profitableren Arbeitsrechts- und Umweltstandards ausgelagert werden und so weiter. Die Klimakrise ist eine globale Krise und die Betroffenheiten, die sie verursacht, sind komplex. Nicht alle Arten betroffen zu sein sind gleich, aber wir alle können Aspekte finden, bei denen wir und/oder unsere Bekannten und Freund*innen die Betroffenen sind. Diese Betroffenheiten sind für uns ein sinnvoller Ansatzpunkt, um eine politische Organisierung anzufangen. Mit ihnen im Fokus können wir konkrete Verbesserungen unserer eigenen und der Lebensbedingungen anderer erkämpfen.

In anderen Worten: es geht darum, dass uns strukturelle Verknüpfungen bewusst werden. Wenn wir zum Beispiel erkennen, dass die Erzählung „ohne Kohlestrom geht in den Krankenhäusern das Licht aus“ ein strategisch platziertes Märchen ist, weil wir wissen, dass gleichzeitig Rüstungsfirmen wie Heckler und Koch von Unmengen fossiler Energien am Laufen gehalten werden, deren Fabrikate wieder Kriege befeuern, wegen denen wiederum Menschen fliehen – dann bemerken wir, dass sich die Fragen der Energieversorgung und des Klimawandels und der Betroffenheiten, die sie verursachen, gar nicht isoliert betrachten lassen und viel komplexer sind, als auf den ersten Blick vielleicht angenommen.

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