Sybille Bauriedl


Doch nicht nur die Orte des Abbaus fossiler Rohstoffe sind Orte neo-kolonialer Herrschaft und Widerstandes. Als zweite Perspektive schreibt Sybille Bauriedl, Geographin an der Universität Bonn, über den Zusam-menhang von Landraub in Deutschland und Ostafrika und betont, dass wir auch gegen falsche Lösungen der Emissionsreduktion kämpfen sollten:

Die Aneignung von Land durch Energiekonzerne – verbunden mit Zwangsenteignungen und der Entwurzelung ländlicher Bevölkerung – findet aktuell genauso in Deutschland wie in Ostafrika statt. In Deutschland hat die nordrheinwestfälische Landesregierung kürzlich die Fortsetzung des Braunkohletagebaus für die nächsten fünfzehn Jahre beschlossen. Gleichzeitig haben die Regierungen von Äthiopien und Tansania langfristig riesige Flächen Agrarland für den Anbau von Biomasse zur Substitution fossiler Ressourcen an internationale Investoren übertragen. Der Kampf für Klimagerechtigkeit ist sowohl im Globalen Norden wie im Globalen Süden mit dem Kampf um Land, Wasser, Wald, Ernährungssouveränität und kollektive soziale Rechte verbunden. Globale Klimagerechtigkeit – im Sinne internationaler Solidarisierung mit Klimawandelbetroffenen und dem Kampf gegen die industriekapitalistische Ausbeutung von Menschen und Natur weltweit – braucht eine internationale Vernetzung des Wissens um die Wechselwirkungen dieser Prozesse sowie der Widerstandsformen und Erfolge an unterschiedlichen Orten des Widerstands.

Mit der Fortsetzung des Braunkohleabbaus in Nordrhein-Westfalen werden nicht nur die Bewohner_innen am Rande des RWE-Tagesbaus Garzweiler ihre Häuser und Heimat verlieren (allein für Garzweiler I wurden seit 1960 rund 11.000 Menschen umgesiedelt und 16 Ortschaften abgegraben). Als indirekte Folge des Kohleabbaus werden auch Kleinbäuerinnen und -bauern an anderen Orten ihr Land verlieren. Die Emissionen aus der Verfeuerung der Braunkohle müssen entsprechend der UN-Klimaschutzvereinbarungen kompensiert werden. In der klimapolitischen Praxis wird über den Handel mit Emissionszertifikaten die versprochene Reduktionsleistung der Industrieländer in den Globalen Süden verlagert, da Klimaschutzmaßnahmen dort billiger zu haben sind. Diese Inwertsetzung von Natur und Menschen knüpft ungehemmt an koloniale Strukturen und Ideologien an, die eine ressourcen- und emissionsintensive, imperiale Lebensweise auf Kosten von sogenannten Entwicklungsländern fortsetzen lässt. Die klimaaktivistische Forderung „Leave Fossil Fuels in the Ground“ in Europa und Nordamerika ist daher auch eine indirekte und solidarische Unterstützung von Kleinbäuer_innen im Globalen Süden. Die Verbindungen könnten jedoch noch andere Fäden aufnehmen.

Um die Herausforderungen globaler Klimagerechtigkeit zu verstehen, werden seit über zwanzig Jahren Fragen nach der Vergesellschaftung und Globalisierung von Treibhausgasemissionen gestellt: Wer trägt Verantwortung für den Klimawandel? Wie können die Klimawandelfolgen im Globalen Süden gemindert werden? Genauso wichtig sind die Fragen nach der Vergesellschaftung und Globalisierung von Klimaschutzkosten: Wieso sollten Bauern in Ostafrika zu Vertragsarbeitern auf Großfarmen von Agrartreibstoffunternehmen werden, um eine emissionsfreie Mobilität in Europa zu ermöglichen (während Bäuerinnen komplett von landwirtschaftlichen Einkommen ausgeschlossen werden)? Sowohl brown grabbing (Vertreibung für Kohleabbau) wie green grabbing (Vertreibung für Agrartreibstoffan-bau) sind Zeichen verfehlter Energie- und Klimapolitik. In beiden Fällen geht es um eine Landaneignung für ökonomische Interessen, die vom Staat über das individuelle Nutzungsrecht gestellt werden. In vielen Fällen kommt es dabei zum vollständigen Verlust der Einkommens- und Ernährungsquellen der Kleinbäuer_innen.

Solidarität muss keine Einbahnstraße sein. Kohleaktivist_innen in Deutschland können von Kämpfer_innen gegen Klimaschutzprojekte im Globalen Süden lernen (vgl. NoREED oder Pan African Climate Justice Alliance). Sowohl in deutschen Braunkohlerevieren wie in ostafrikanischen Savannenregionen geht es um den Widerstand gegen Landvertreibung für den Energiehunger von über-konsumierenden Wohlstandsgesellschaften. Wird das brown grabbing fortgesetzt, wird auch weiteres green grabbing im Globalen Süden stattfinden. Oder andersherum betrachtet: Grüne Landnahme legiti-miert braune Landnahme.

Aktivismus für Klimagerechtigkeit muss daher eine Doppelstrategie verfolgen. Die Klimacamps der letzten Jahre haben sich auf Emissionsverursacher wie Großflughäfen und Kohlekonzerne konzentriert. In Zukunft gilt es auch, die Akteure der Emissionsreduktion genauer in den Blick zu nehmen. Beim Pariser Klimagipfel von 2015 wurde vereinbart, sogenannte saubere Technologien zur Reduktion von CO2-Emissionen zu fördern. Dazu gehörten nicht nur das Einfangen und die unterirdische Einlagerung von Emissionen (Carbon Capture Storage), sondern auch der Einsatz von sogenannter synthetischer Biologie im Agrarsektor für den Biomasseanbau (Bioeconomy). Es ist zu erwarten, dass die aktuellen Klimavereinbarungen zu einem Anheizen des Klimazertifikathandels führen werden und eine neue Legitimierung für Gentechnologie in der Landwirtschaft schaffen – mit dem Versprechen, sowohl den Lebensmittelbedarf wie auch die steigende Nachfrage nach Biomasse zu sichern. Wenn Klimagerechtigkeit an einem Ort nicht zu Folgeproblemen an anderen Orten führen soll, muss der Kampf gegen fossile Energien (Substitution) mit einem Kampf für weniger Konsum (Suffizienz) und für bessere Produktionsbedingun-gen für Kleinbäuer_innen (Lebenssicherung) verbunden sein.“

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