Kyle Powys Whyte


Kyle Powys Whyte, Associate Professor für Philosophie und Community Sustainability an der Michigan State University, schreibt im September 2016:

In den letzten Monaten versammelten sich hunderte indigene Personen und ihre Verbündeten nahe der Mündung der Flüsse Missouri und Cannon Ball in den angestammten Gebieten des Standing Rock Siox Tribe. Durch gewaltfreie Aktionen wollen sie den Bau der Dakota Access Pipeline (DAPL) stoppen, welche die Ölabbaufelder der Bakken-Formation in North Dakota mit den Raffinerien in Illinois verbinden würde. Ihre grundlegende Angst ist, dass ein Ölleck die Wasserqualität für viele Mitglieder der tribal community gefährden würde. Der Bau der Pipeline hat schon jetzt einige der heiligen Grabstätten des tribes zerstört. Während der Proteste haben die Wasserschützer*innen – wie viele von ihnen lieber genannt werden – Gewalt überstanden: unter anderem Pfefferspray, Hundeattacken, den Entzug von Lebensmitteln und Androhungen von Gerichtsverfahren.

Aber trotz der nationalen Aufmerksamkeit wurde ein Punkt meines Erachtens nach weitgehend ignoriert: Der Stopp der DAPL ist eine Sache der Klimagerechtigkeit und Dekolonialisierung für indigene Völker (peoples). Für Leute außerhalb dieser Gemeinschaften ist es möglicherweise nicht immer offensichtlich, aber der Kampf um Wasserqualität und kulturelles Erbe ist untrennbar mit diesen größeren Problemen verbunden. Klimagerechtigkeit ist die Idee, dass es ethisch falsch ist, dass manche Gruppen von Menschen mehr als andere unter den schädlichen Auswirkungen des Klimawandels leiden.

Dies ist eine Ungerechtigkeit, weil – wie der indigene Wissenschaftler Dan Wildcat in Red Alert! schreibt – das Leiden „nicht auf-grund irgendetwas passiert, dass ihre indigene Lebensart produziert hat, sondern weil die technisch am weitesten fortgeschrittenen Gesellschaften dieses Planeten ihre moderne Lebensart auf einer Grundlage fossiler Energie aufbauten“.

Weil indigene Völker (peoples) unverhältnismäßig stark unter den Auswirkungen des Klimawandels leiden, wird das Weiterführen der Abhängigkeit von fossilen Energien in den kommenden Jahren noch mehr Schaden anrichten. Aber diese Geschichte geht noch weiter, denn der Klimawandel und U.S.-Kolonialismus gegen indigene Völker (peoples) sind eng verbunden.

Das wirft ein Licht auf indigene Verständnisse dessen, was Klimawandel wirklich bedeutet und welche Lösungen von Nöten sind. Einfach gesagt bezeichnet Kolonialismus eine Art der Beherrschung, bei welcher mindestens eine Gesellschaft Vorteile ausbeuten will, die sie im Territorium von einer oder mehrerer anderer indigener Gesellschaften, die dort schon leben, vermuten. Diese Vorteile können von landwirtschaftlichen Flächen und wertvollen Mineralien bis hin zu Arbeitskraft reichen. Die Ausbeutung kann durch verschiedene Taktiken erfolgen, unter anderem Militärinvasion, Zwang, Sklaverei, Über-wachung und die geographische Beseitigung von indigenen Völkern (peoples). Sexualisierte und geschlechtliche Gewalt sind wesentlich um indigene Führungsgewohnheiten zu unterhöhlen, von denen viele mit nicht-patriarchalen Geschlechtersystemen, welche Frauen und nicht-binäre Geschlechter ermächtigten, zusammenhingen.

Beim U.S.-Kolonialismus handelt es sich um die andauernde Kontrolle der Vereinigten Staaten über die Selbstorganisierung der indigenen Völker (peoples) intern und ihrer Territorien als Tribal Nations. Der U.S.-Kongress hat unbeschränkte Vollmachten über die tribes. Die U.S. verstehen indigene Zuständigkeiten, auch die Reservate, als nationalstaatliches Land, das treuhänderisch für die tribes verwaltet wird.

Der Standing Rock Sioux Tribe im Zentrum der aktuellen Proteste hat schon in der Vergangenheit unter dieser Praxis gelitten. Bis zu dem Zeitpunkt, als es um nationale Abbauinteressen ging, konnte er die Souveränität über die heiligen Black Hills, Teile des Flusses Missouri und gewisse Jagdrechte außerhalb der Reservate, die im Vertrag von Fort Laramie von 1868 festgehalten waren, beibehalten. Doch 1877 verabschiedete der U.S.-Kongress ohne die Zustimmung des tribes ein Gesetz, dass die Black Hills aus der Zuständigkeit des Standing Rock entfernte.

Der U.S.-Kolonialismus ebnete also den Weg für die Ausweitung von extraktiven Industrien, die Wissenschaftler*innen nun als Verursacher des Menschen-gemachten Klimawandels identifizieren. Dammbau und Entwaldung von indigenen Territorien ermöglichen Bergbau und industrielle Landwirtschaft; Pipelines, Straßen und Raffinerien schaffen eine Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen.

Darüber hinaus eröffnet der Klimawandel auch weitere indigene Territorien wie die Arktis der kolonialen Ausbeutung, da die Schneeschmelze Ressourcen wie Öl zugänglich macht, die vorher nur schwer erreichbar waren.

Diese neuen Ölerkundungen werden vermutlich zu den gleichen schädlichen Folgen führen, die wir schon gesehen haben. Die Camps der Arbeiter – auch „Männercamps“ genannt – die zur Unterstützung der Bohr- und Abbauarbeiten in Regionen wie Bakken in North Dakota gebaut wurden, schleusen weitere sexualisierte und geschlechtliche Gewalt durch Handel mit indigenen Frauen und Mädchen ein.

Beim Stopp der DAPL geht es daher auch um einen Stopp der bösartigen Strukturen des U.S.-Kolonialismus, der unmittelbare Umweltschäden und zukünftige Auswirkungen des Klimawandels in indigenen Völkern (peoples) auslöst. Für indigene Völker ist Dekolonialisierung keine Metapher.“
 
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aus: http://theconversation.com/why-the-native-american-pipeline-resistance-in-north-dakota-is-about-climate-justice-64714

 

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