Ilana Krause


Sybille gibt uns hier eine theoretische Begründung dafür, warum es sinnvoll ist, dass Klimaaktivist*innen in ihrer Arbeit eine internationale Perspektive haben. Im folgenden beschreibt Ilana Krause, die bei Ende Gelände und dem Schwerpunkt Gesellschaftliche Naturverhältnisse der Bundeskoordination Internationalismus (BUKO) aktiv ist, einige praktische Erfahrungen und Reflexionen aus ihrer Arbeit in der europäischen Klimagerechtigkeitsbewegung. Sie schreibt zum Thema

Still loving Vernetzung: Erfahrungen aus transnationaler Vernetzungsarbeit in der Klimabewegung‘

Kurz vorweg: konkrete Zusammenarbeit der Klimabewegung über Ländergrenzen hinweg wurde nicht mit Ende Gelände neu erfunden, sondern fand bereits in der Mobilisierung zum und gegen den UN-Kli-magipfel in Kopenhagen 2009 – und auch davor – statt. Hier soll aber auf die Erfahrungen aus der vor allem europäischen Mobilisierung und Vernetzung im Rahmen von Ende Gelände eingegangen werden.

Auf die Frage nach Notwendigkeit und Nutzen internationaler Arbeit gibt es mehrere Antworten:

Als erstes wollen wir mehr Leute bei Aktionen sein und zeigen dass wir viele sind, die solidarisch auf geteilte Ziele hinarbeiten.

Zweitens haben wir viel voneinander zu lernen, wenn wir uns jenseits der Steigerungslogik vernetzen: So kommt z.B. die Idee der Klimacamps aus Großbritannien, 2016 gab es in Wales eine Tagebaubesetzung im Stile Ende Geländes und das aktivistische Tunnelbauen fand in England seinen Anfang. Ideenaustausch kommt aber nicht hauptsächlich durch E-Mails zustande. Wir müssen im „echten Leben“ Kontakte aufbauen und pflegen, damit langfristig Vertrauen entsteht und Strukturen einschätzbar sind. Oft wird dabei vergessen: Solidarität und Vernetzung sind keine Einbahnstraße! Wir müssen zu anderen Aktionen und Camps fahren, Einladungen zu Vernetzungstreffen und Strategiedebatten wahrnehmen. Dann können auch wir dort gemachte Erfahrungen mit nach Hause nehmen, ausprobieren und anwenden.

Klimawandel ist ein globales Problem, schon deshalb ist transnationale Vernetzung der Klimabewegung notwendig. Ein sofortiger Ausstieg aus der Braunkohle in Deutschland wäre großartig und ein wichtiger Schritt. Doch dürfen wir importierte Steinkohle oder Austausch von Kohle durch Gas- und Atomkraft in anderen Ländern nicht vergessen. Dies führt uns zum dritten Grund internationaler Vernetzung: Wir brauchen gemeinsame Analysen und Strategien, wie wir Energiekonzerne in verschiedenen Ländern erfolgreich angreifen, politische und gesellschaftliche Prozesse vor Ort und überall so gestalten können, dass wir eine Abschaffung der ausbeuterischen Verhältnisse erreichen. Ende Gelände geht hier (noch?) sehr kleine Schritte. Es bräuchte viel mehr Diskussion dazu, wie ein sozial gerechter Übergang aussehen soll, was das Ende eines gesamten Industriezweigs für Regionen und Länder bedeutet, wie genau eine Begleichung der historischen Schuld des Nordens aussehen sollte – riesige Fragen, die wir nicht allein im diesem deutschlandlastigen Bündnis beantworten können.

Unsere hart debattierten Analysen werden durch Konfrontationen mit Perspektiven aus anderen politischen, geschichtlichen und sozialen Kontexten geschärft. Es ist eine Bereicherung, wenn Genoss*innen aus anderen Ländern auf blinde Flecken hinweisen, denn dadurch fallen uns erst (falsche) Vorannahmen in unseren Argumenten auf. Ihre Fragen können uns zudem die Augen öffnen, alte Gewohnheiten und Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen.

Viertens sind lokale Phänomene meist international begründet. Als Ende Gelände 2016 in die deutsche Lausitz ging, wollte dort gerade der schwedische Staatskonzern Vattenfall die Kohlesparte an die tschechische EPH verkaufen. Schwedische Genoss*innen forderten statt des Verkaufes eine Stilllegung der Kohlekraftwerke. In diesen internationalen Konflikt intervenierten wir mit dem Motto „Wir sind das Investitionsrisiko“ und skandalisierten die schwedische und deutsche Energie- und Klimapolitik auf europäischer Ebene. Zur COP23 im November 2017 werden wir abermals die Möglichkeit haben, internationale Diskussionen anzufachen und Deutschlands Image als Klimaretter auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen.

Fünftens ist Vernetzung sinnvoll mit Blick auf mögliche Bewegungsflauten: wir wollen einen sofortigen Braunkohleausstieg, der sich nicht nur auf einzelne Reviere/Länder bezieht. Bei einem halbgaren Kohlekompromiss in Deutschland würde sich aber der gesellschaftliche Rückhalt, die Unterstützung von NGOs und Medien verringern, weil „doch jetzt beschlossen ist, in zwanzig Jahren aus der Kohle auszusteigen“. Wie bleibt danach die Klimabewegung hier für unterschiedlichste Aktivist*innen attraktiv?

Es gibt viele gute Gründe für transnationale Vernetzung – und viele Schwachstellen bei der Umsetzung. Eins darf nicht vergessen werden: vertrauensvolle Zusammenarbeit, solidarische Debatten und gemeinsam entwickelte Pläne funktionieren dann am Besten, wenn wir uns begegnet sind, wenn es zu einer E-Mail-Adresse ein Gesicht und persönliche Geschichte gibt und wir gemeinsame Erfahrungen teilen. Transnationale Vernetzungsarbeit ist vor allem eins: „Beziehungsarbeit, die durch keine abstrakte Strategiedebatte ersetzt werden kann.“

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