Ali


Wie von Ilana beschrieben, können wir viel voneinander lernen. So auch, als wir die Gruppe Plane Stupid aus Großbritannien nach ihrer Perspektive auf Klimagerechtigkeit fragten. Ali, der auch bei End Deportations aktiv ist, betont, dass verschiedene Diskriminierungsachsen miteinander verwoben sind und wie unsere Aktionen und deren Organisierung dem Rechnung tragen können (7) Sowohl bei ausgeCO2hlt, als auch in der deutschen Bewegung haben wir hier noch viel zu lernen und müssen unseren Theorien und Parolen auch Taten folgen lassen.

Intersektionalität ist eines der großen Schlagworte die aktuell in der aktivistischen Szene die Runde machen, zumindest in UK. Der von schwarzen Feminist*innen entwickelte Begriff beschreibt, wie alle Arten der Unterdrückung miteinander verwoben sind, und wie Menschen, die wegen mehrerer Aspekte ihrer Identität marginalisiert werden, diese Unterdückungserfahrungen auch aus mehreren verschiedenen Richtungen fühlen. Audre Lourde sagte einst, dass sie verschiedene Teile ihrer Identität verbergen musste, je nachdem, mit wem sie sprach: anderen Lesben gegenüber musste sie ihr Schwarz-Sein verstecken, vor anderen Schwarzen Frauen musste sie ihre Sexualität verstecken. Alle Teile ihrer Identität machten sie aber als Person aus und waren auch Teil der Unterdrückung, die sie erfuhr – selbst in solch „radikalen“ Räumen.

Unsere Organisation Plane Stupid und die breitere Umwelt- und aktivistische Szene, die sie umgibt, ist ein sehr weißer Raum. Wir hatten einige fantastische Aktionen, die größere Bekanntheit erlangt haben: Wir haben zahlreiche Start- und Landebahnen besetzt, einem Politiker eine Torte mitten ins Gesicht geworfen, das Dach des britischen Unterhauses (House of Commons) besetzt. Und trotzdem haben wir bei all dem in Bezug auf Klimawandel nicht wirklich die Wahrnehmung infrage gestellt, dass es sich dabei um ein Anliegen weißer Mittelklasse-Menschen handelt.

Aber nichts könnte weiter von der Wirklichkeit entfernt sein. „Die Klimakrise ist eine rassistische Krise“, wie Black Lives Matter UK sagte, als sie den London City Flughafen besetzten. (8) Die, die von unserer kapitalistischen Wirtschaftsweise und der Förderung von Ressourcen profitieren, die, die sich an billig hergestellten Waren und Dienstleistungen und an Kurz-Flugreisen übers Wochenende erfreuen, das sind nicht die gleichen Menschen, die das ganze Gewicht der Klimakrise zu fühlen bekommen. Klimawandel ist ein Ausläufer von Kolonialismus, von Rassismus, Patriarchat und Heterosexismus. Als aber Wretched of the Earth, eine Zusammenschluss von Gruppen in UK, die von Schwarzen und People of Colour geführt werden, genau das 2015 beim ‘People’s Climate March’ in London betonten, wurden sie von für die großen NGOs arbeitenden Sicherheitsdiensten körperlich angegriffen. (9) Die Polizei wurde wegen ihnen gerufen weil ihre Botschaft „zu radikal“ war. Später, im April 2017, führte Reclaim the Power eine Anti-Fracking-Aktion durch, die die zapatistischen Kämpfe unsichtbar machte und unabsichtlich indigene Menschen mit Tieren verglich. So tief reicht der internalisierte Kolonialismus und Rassismus in der Umweltbewegung in UK. (10) Und das alles muss korrigiert werden, um Klimagerechtigkeit zu erreichen. Alles andere ist einfach nur whitewashing oder Wohlfühl-Aktivismus.

In diesem Licht muss also „Intersektionalität“, wenn sie sich auf die Umweltbewegung beziehen soll, mit einer gewissen Skepsis betrachtet werden, aber sie muss auch gefeiert werden. Es ist einzig der Arbeit von Gruppen wie Wretched of the Earth, Black Lives Matter UK, London Latinx und vielen anderen zu verdanken, dass das Thema der Intersektionalität überhaupt an Zugkraft gewonnen hat. Die Heraus-forderung für eine überwiegend weiße Bewegung ist jetzt zu sehen, wie damit umzugehen ist.

Am 28. März 2017 konnten die Gruppen Plane Stupid, Lesbians and Gays Support the Migrants (LGSMigrants) und End Deportations am Stansted Flughafen erfolgreich einen Charterflug aufhalten, der dutzende Menschen nach Nigeria und Ghana abschieben sollte. (11) Unter ihnen war eine lesbische Frau, die ihrer Sexualität wegen um ihr Leben fürchtete, und ein Mann, der seit 18 Jahren in UK lebt und keine Verbindung zu Nigeria hat. Unsere Aktion gab vielen Menschen die Möglichkeit, ihre Abschiebungen anzufechten, und seitdem sind einige Menschen gegen Kaution aus den Abschiebelagern entlassen worden. Die Aktion hat auch Licht auf dieses geheimnistuerische Verfahren geworfen, das zutiefst rassistisch und eine ganz besonders brutale Form der Abschiebung ist.

Diese Aktion kam durch eine ganze Reihe an verschiedenen Prozessen zustande. Einer davon ist, dass sich nun im Großbritannien nach dem Brexit-Referendum der Kontext verschiebt in dem ein stärkeres Bewusstsein für den verwobenen Charakter von Unterdrückungsmechanismen entsteht und Rassismus sichtbarer wird. So wurde es zu einer notwendigen Aufgabe, dass verschiedene Gruppen mit Schwerpunkten auf Migration und Ökologie zusammenkamen und ihre verschiedenen Fähigkeiten und politischen Analysen an einen Tisch brachten. Dabei gibt es natürlich auch persönliche Beziehungen und Freundschaften zwischen einzelnen Mitgliedern dieser Gruppen, die sich gemeinsam mit den politischen Beziehungen entwickeln. Freundschaften haben es möglich gemacht, dass bestimmte Kooperationen stattfinden und schwierige Themen besprochen werden konnten. Das wäre nicht möglich gewesen, wenn eine weiße Gruppe, wie sie es so oft versuchen, in eine von PoC (People of Colour) geleitete Gruppe gestolpert wäre, und gesagt hätte „Hey Leute, lasst uns mal zusammenarbeiten!“, oder eher noch „Hey Leute, kommt mit und macht unsere weiße Aktion vielfältiger!“. Diese Arbeit ist langsam, sie braucht Geduld, und vielleicht sieht es gar nicht so aus, als würde überhaupt jemand versuchen hier etwas zu erreichen. Sie ist aber notwendig um auf diese Art Vertrauen aufzubauen, wenn marginalisierte Gruppen Schmerz und Leid schon seit so langer Zeit fühlen.

Natürlich gehört zu dieser Arbeit eine Menge an Reflektion der Machtverhältnisse und der Privilegien, bei denen wir uns alle irgendwo auf einem Spektrum befinden. Es setzt voraus, dass man sich Zeit nimmt um zuzuhören und die Perspektiven und Bedürfnisse derer, die in stärker unterdrückten Positionen sind als du selbst, wirklich zu hören. Im Grunde genommen wäre diese Aktion unmöglich gewesen wenn nicht einige Menschen tiefgehende Beziehungen zu Abschiebehäftlingen und gegenseitiges Vertrauen mit ihnen aufgebaut hätten.

Unsere Aktion hat auf so viel Arbeit in so vielen verschiedenen Kampagnen zu verschiedenen Themen aufgebaut – Umwelt, Migration, Feminismus, Queer, Antirassismus und so weiter – und ohne diese wären wir nicht annähernd da, wo wir heute sind. Dieser Zusammenschluss bedeutet viel, und hoffentlich markiert er einen weiteren Schritt in Richtung effektiverer und bedeutsamer Handlungen der Solidarität, einen Schritt auf dem Weg in eine Welt ohne Unterdrückung und Grenzen.“

(7) Den Originaltext findt ihr unter:

 https://docs.google.com/document/d/1OvvGvfzSEnUvPWToSxIxn1lYeh1eEMzoiLaIwlWonBA
(8) Artikel zur Aktion: https://www.theguardian.com/commentisfree/2016/sep/06/climate-change-racist-crisis-london-city-airport-black-lives-matter
(9) s. dazu https://blackdissidents.wordpress.com/2015/12/16/open-letter-from-the-wretched-of-the-earth-bloc-to-the-organisers-of-the-peoples-climate-march-of-justice-and-jobs/
(10) Antwort von Reclaim the Power auf die Kritik: https://reclaimthepower.org.uk/news/response-to-the-bell-pottinger-action-video/
(11) s. dazu https://enddeportations.wordpress.com/2017/03/29/campaigners-halt-deportation-flight-by-blocking-stansted-runway-and-locking-themselves-to-plane/

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