Die Welt wie wir sie sehen


Die Herausforderung der Moderne ist, ohne Illusionen zu leben – ohne dabei desillusioniert zu werden.“

– Antonio Gramsci

Es ist nicht einfach irgendwann zufällig passiert, dass all diese fossilen Rohstoffe abgebaggert und für die Energiegewinnung verbrannt wurden, die jetzt die Zusammensetzung der Erdatmosphäre verändern. Die Extraktion fossiler Brennstoffe ist das Resultat und zugleich die Grundbedingung der kapitalistischen Wirtschaftsweise. Für uns ist klar, dass wir den Klimawandel nicht mit, sondern nur gegen den Kapitalismus eindämmen können. Kapitalistische Ökonomien haben nicht zum Ziel, die Bedürfnisse der Menschen auf möglichst lebensfreundliche Art zu erfüllen. Stattdessen sollen möglichst große Profite durch die Ausbeutung der Lohnabhängigen und der Umwelt erwirtschaftet werden – kurz: Kapital soll akkumuliert werden. Hierfür stellt jede Rücksicht auf Umwelt und Arbeitsbedingungen einen potentiellen Konkurrenznachteil dar. Da die konkurrierenden Firmen versuchen ihre Kosten durch eine Ausweitung ihrer Produktion (und Steigerung ihrer Produktivität) zu reduzieren, befördern sie den Wachstumszwang kapitalistischer Ökonomien. Sie können sich selbst nicht bremsen oder anhalten, sondern müssen immer mehr Menschen und Ressourcen ausbeuten, um die Maschinerie am Laufen zu halten.

Auch die neuesten Versuche, den Kapitalismus ergrünen zu lassen, wie die international verhandelten Mechanismen REDD+, Carbon Offsetting oder der berühmte CO2-Handel (3) verlaufen nach diesem Muster der Ausweitung kapitalistischer Ausbeutung von Mensch und ‚Natur‘. Die erworbenen Verschmutzungsrechte erlauben dabei Firmen sogar die Ausbeutung des Planeten über seine global ökologischen Grenzen hinweg! Die Logik des Kapitals kann uns nur falsche Lösungsansätze anbieten.

Die Ergebnisse staatlicher Klimapolitiken der letzten Jahrzehnte und die grundlegenden Funktionsweisen von Nationalstaaten zeigen uns ganz deutlich: Staatliche Strukturen werden den Klimawandel nicht für uns eindämmen. Anders als oft propagiert, sehen wir in staatlichen Strukturen keine „neutralen“ Vermittler, die das „Gemeinwohl“ erarbeiten und durchsetzen, sondern Akteure und Mechanismen, die ein inneres Interesse an einer kapitalistischen Ökonomie haben und diese klar verteidigen. Sei es durch persönliche Verflechtungen staatlicher Akteur*innen mit der Wirtschaft, das Eintreiben von Steuern als Handlungsgrundlage des Staates oder die Aufrechterhaltung von Eigentums- und Lohnarbeitsver-hältnissen durch das bürgerliche Recht. Dies zeigt: Die Existenz von Staaten beruht auf der Ausbeutung von Mensch und Natur. Wenn der Staat einen Kohleausstieg beschließen wird, wird er ihn nicht für uns durchsetzen, weil er ein guter Staat ist (oder weil einzelne Politiker*innen moralisch überzeugt wurden), sondern weil unsere Bewegung so viel Gegenmacht aufgebaut hat, dass der Staat den Kohleabbau ideologisch nicht mehr legitimieren kann. Als Allererstes erhält der Staat die Verhältnisse aufrecht, die den Kohleabbau ermöglichen. Selbstverständlich ist der Staat nicht ein einheitlicher Block, sondern zergliedert sich in viele verschiedene, teils widersprüchliche Unterstrukturen, wie zum Beispiel Ministerien oder Parteien. Doch aus sich selbst heraus werden sie alle das gute Leben nicht ermöglichen, sondern starke soziale Bewegungen müssen es ihnen Stück für Stück abringen. Staatliche Methoden können daher letztlich nicht das richtige Mittel sein, um den Klimawandel und seine Folgen einzudämmen. Unsere kapitalistische Wirtschaftsweise und die sie stützenden staatlichen Strukturen beruhen auf vielen, sich überschneidenden Herrschaftverhältnissen, seien es beispielsweise Sexismus mit der Ausbeutung von Reproduktions und Care-Arbeit oder Rassismus zum Beispiel in Form des selektiven deutsch-europäischen Grenzregimes. Sicherlich gab es auch in nicht-kapitalistischen Gesellschaften Herrschaft und Ausbeutung, doch unsere Gesellschaft basiert ganz maßgeblich auf ihnen und verschärft ihre Auswirkungen durch die Klimakrise massiv.

Unsere Vision ist es nicht „nur“, den Klimawandel einzudämmen. Unsere Vision ist eine Gesellschaft ohne Ausbeutung und Herrschaft. Herrschaft verstehen wir dabei als Macht über Meschen, wohingegen der Aufbau von Gegenmacht für uns den Aufbau von individueller und organisatorischer Handlungsfähigkeit im Sinne von Macht zu Handlungen bedeutet.

Für unsere Vision müssen wir den Klimawandel und die ihn hervorbringenden und unterstützenden Strukturen überwinden. Wir teilen nicht das Bild einer plötzlichen, punktuellen und schlagartigen, alles verändernden Revolution, durch die und nach der alles gut wird. Dennnoch wird es auch größere Umbrüche auf dem Weg zum guten Leben für alle geben müssen. Wir sehen die Überwindung aller Herrschaftsverhältnisse als einen Prozess, durch den und in dem sich unsere zwischenmenschlichen Beziehungen, unsere Verbindungen zu ‚Natur‘ und Umwelt, unsere Wirtschaft und die gesamte Gesellschaft langfristig und tiefgehend verändern. Diesen Prozess begreifen wir als den Aufbau von Gegenmacht, der unsere Macht zu einem selbstbestimmten Leben vergrößert und staatliche und wirtschaftliche Macht über unsere Leben eindämmt. Diese Gegenmacht versuchen wir im Rheinischen Braunkohlerevier aufzubauen, das für uns ein Kristallisationsort verschiedener Herrschaftsachsen ist (z.B. bei Umsiedlungen, Gesundheitsschäden, Lohnarbeitsverhältnissen, den gesellschaftlichen Naturverhältnissen, etc), die wir als Interventionspunkte im Kampf gegen Ungerechtigkeit und als Anknüpfungspunkte für den Aufbau einer neuen Gesellschaft nutzen.

Herrschaftsfreiheit ist dabei für uns keine Alles-Oder-Nichts-, keine An-Oder-Aus-Frage, die durch ein einzelnes, großes Ereignis erreicht wird. Stattdessen müssen unsere politischen Organisierungen, unsere sozialen Bewegungen und unsere Kämpfe schon im Hier und Jetzt diese Vision im Kleinen aufbauen, leben und dadurch erlebbar machen.

Durch unseren Widerstand holen wir die Utopie aus der Zukunft in die Gegenwart, geben ihr Gestalt, verändern sie wo nötig und nehmen von ihr Kraft und Gewissheit. Daraus lassen sich für uns Prinzipien unser Arbeit ableiten: Denn durch eine herrschaftsförmige Organisierung lässt sich eine herrschaftsfreie Welt nicht erreichen. Eine Verschiebung von Herrschaftsverhältnissen ist noch nicht deren Überwindung (dies wäre zum Beispiel der Fall, wenn deutsche Braunkohle duch importierte Steinkohle ersetzt würde).

Ebensowenig wie unsere Utopie, ist auch der Klimawandel kein einzelnes Geschehnis irgendwann in der entfernten Zukunft, eine plötzliche Apokalypse, welche die Menschheit entweder abwenden kann oder eben nicht. Stattdessen ist auch der Klimawandel ein Prozess, der unterschiedliche Gesellschaften und Gemeinschaften zu unterschiedlichen Zeitpunkten und mit unterschiedlichen Auswirkungen betrifft – bereits in der Gegenwart. Manche können davon auch profitieren, indem sie beispielsweise heute schon großflächig Land in Sibiren aufkaufen, da durch das zukünftige Abtauen des Permafrostes neue landwirtschaftlich nutzbare Böden entstehen können.

Die physikalischen Gegebenheiten der Erde und ihrer Atmosphäre führen zu Kipppunkten im Klimasystem, deren Überschreiten zu einem sich selbst beschleunigendem Klimawandel führen können. Die hierdurch verschärften sozialen Krisen, mit denen marginalisierte Menschen und Gruppen zum Teil schon seit Generationen zu kämpfen haben, würden das Gutes Leben für Alle in noch weitere Ferne rücken. Da wir aber nicht für eine bestimmte chemische Zusammensetzung der Atmosphäre, sondern für ein Gutes Leben streiten, würden überschrittene Kipppunkte im Klimasystem nicht das Ende der Klimagerechtigkeitsbewegung bedeuten, sondern sie ganz im Gegenteil notwendiger denn je machen. Da der Klimawandel schon seit längerer Zeit im Gange ist und seine Auswirkungen schon längst zu erkennen sind, müssen wir uns alle auch jetzt schon auf die Klimaveränderungen vorbereiten. Die heißt für uns, individuelle und kollektive Resilienz, also Widerstandsfähigkeit, aufzubauen, um mit persönlichen, sozialen und ökologischen Krisen besser umgehen zu können. Diese Resilienz bauen wir gemeinsam durch konkrete Fähigkeiten auf, aber auch durch das Erschaffen und Erlernen neuer, selbstbestimmter gesellschaftlicher Organisierungs- und Entscheidungsstrukturen. Klimacamps sind für uns zentraler Baustein für den Aufbau von Resilienz, der damit auch mit dem Aufbau von Gegenmacht verbunden ist.

Auf den Klimacamps und den Kämpfen gegen das Rheinische Braunkohlerevier kommen unterschiedliche Bewegungen mit unterschiedlichen Schwerpunkten zusammen. Doch wir wollen uns nicht einfach nur untereinander vernetzen, sondern wir wollen einen gemeinsamen gesellschaftlichen Gegenentwurf entwickeln, eine gemeinsame Vision jenenseits der Unterschiedlichkeit. Wir fragen uns, ob der demokratische Konföderalismus (der kollektive und dezentrale Entscheidungen zu kulturellen und politischen Fragen in Rätestrukturen mit einer demokratischen Selbstverwaltung in der Wirtschaft verbindet), wenn wir ihn auf die Klimagerechtigkeitsbewegung in Mitteleuropa übertragen, eine konkrete Ausformulierung unserer Vision sein kann. Wir wünschen uns eine Debatte in der Bewegung, was vom Konzept des demokratischen Konförderalismus jetzt schon anwendbar ist, und wo wir ihn eher als Inspirationsquelle für Umformulierungen und neue Ideen nutzen sollten.

Wir können – trotz (nein, gerade wegen!) der wissenschaftlich unterstützten Dringlichkeit unserer Arbeit – die Klimabewegung nicht einfach nur als Bewegung für mehr Klimaschutz verstehen. Um Klimagerechtigkeit zu erstreiten müssen wir alles verändern. Die Dringlichkeit unserer Arbeit, die unteranderem durch Kipppunkte im Klimasystem begründet wird, darf aber nicht dazu führen, dass wir in einen permanenten Notfallmodus verfallen. Denn sonst verfallen wir in eine Logik, die einen bestimmten gegenwärtigen oder zukünftigen Zeitpunkt in den Mittelpunkt unserer Arbeit stellt. Dieser wird aber zwangsläufig irgendwann in der Vergangenheit liegen. Dann scheint es aber „zu spät“ zu sein, um für ein Gutes Leben zu streiten. Handlungsunfähigkeit, Depression und Verzweiflung waren in anderen Bewegungen, die so ähnlich argumentierten, die Folge. Und ja, letztendlich wissen wir nicht, ob das, was wir tun ausreicht. In diesem Moment können wir nur hoffen. Aber wir hoffen nicht passiv auf einen Messias, die Regierung oder einen Kometen, der uns erlösen soll. Stattdessen streben wir nach aktiver Hoffnung, deren Grundlage wir selber durch unsere Kämpfe schaffen und deren Ziel wir selber sind. In diesem Sinne entsteht Hoffnung aus Rebellion, und Rebellion entsteht aus Hoffnung.

Um gegen alle Widrigkeiten Klimagerechtigkeit und ein Gutes Leben zu erstreiten, brauchen wir als Bewegung neue, manchmal auch ungewohnte Bündnisse und Kollaborationen, brauchen wir neue Kristallisationsorte, an denen unser Widerstand konkret und die Notwendigkeit einer anderen Welt sichtbar wird. Und dafür brauchen wir neue Fragen und neue Wege, um Antworten finden zu können, und trotz des Zeitdrucks nicht in Panik zu verfallen. Daher ist es unsere Aufgabe, mutige, vielfältige, kreative, liebevolle und kämpferische Bewegungen aufzubauen, die ihre verschiedenen Kämpfe miteinander verbinden und sich durch ihre Unterschiedlichkeit bestärken. In diesem Sinne ist unsere Broschüre ein Werkzeug und eine Reflexion der Klimagerechtigkeitsbewegung; in der tiefen Hoffnung, dass sie erfolgreich sein möge.

(3) s. dazu auch die Broschüre “Geld wächst nicht auf Bäumen – oder doch? Wie die Natur und deren ‘Leistungen’ zu Waren gemacht werden”: www.fdcl.org/wp-content/uploads/2015/12/Layout-para-internet-Interactivo-D51.pdf

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